Predigt am 5. Juni (2. Pfingsttag)

Liebe Christen!
„Sende uns deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu“, ein Gebetsruf im Psalm 104, 30 – ein Wunsch, der nicht durch ein Ohr hinein und das andere hinausgehen darf. Der Ruf gilt dem Heiligen Geist. Wir haben diese Psalmworte als Kind gehört, als wir dessen Sinn noch nicht erfassen konnten: „Durch den Geist, den du, Gott, uns sendest, wird alles neu geschaffen. Er wird das Angesicht der Erde erneuern.“
Seltsam, die Erde hat ein Gesicht. Der Betende stellte es vor 2500 Jahren schon fest, und wir flehen immer noch, das Angesicht der Erde möge erneuert werden.
Dass der Mensch ein Gesicht hat, wissen wir. Wir sprechen von harten und milden, von markanten und verschwommenen Gesichtszügen. Wir schauen uns gelegentlich ins Gesicht, können sprechen, wahrnehmen, hören. Aber ist es nicht zu gewagt, bei der Erde, den Ge-
schöpfen vom Gesicht zu sprechen? Ein Kind redet alle Dinge mit Du an, spricht spontan mit der Katze und Blume, beschimpft oder lobt seine Puppe. Das ist nicht naiv! Die Dinge und Geschöpfe sind Ausdruck eines Du – haben ein Gesicht. Die belebte Materie zeigt ihr Gesicht. Selbst eine Blume scheint auf die Zuwendung zu reagierten. Im Wort „Materie“ steckt die Nähe zu „mater“, zur Mutter Erde. Sie hat ein Gesicht, schaut uns an. Durch sie schaut Gott uns an und kommt auf uns zu. Der Heilige Geist durchweht die Welt und beseelt die Menschen.
„Geisterfüllte Schöpfung“ heißt nicht, die Erde und ihr Staub sei Gott. Das ist die Meinung des Pantheismus und mancher Strömungen im New Age. Doch das All wird vom Heiligen Geist inspiriert. Der Psalm 104, sagt im Vers 29a: „Du verbirgst dein Antlitz – die Wesen vergehen.“ Und Vers 30: „Du sendest deinen Odem aus; sie entstehen, und du machst den Erdboden neu.“ Der Geist hat nicht einfach den Menschen für sich „gepachtet“. Er belebt auch die Mitgeschöpfe. Eine Blume zeigt etwas vom Antlitz Gottes; ein Tier spricht vorab durch seine Augen. Jedes einzelne Gesicht in Natur und Kreatur ist von Gottes Geist einmalig gebildet.
Ein Rabbi fragte seinen Schüler, der am Fenster stand: „Was siehst du?“ Der antwortete: „Menschen, Häuser, Bäume...“. Da führte der Rabbi ihn zu einem Spiegel und fragte: „Was siehst du jetzt?“ Darauf der Schüler: „Jetzt sehe ich mich selbst.“ Nun belehrte ihn der Rabbi:
„Wenn du dein Leben so lässt, wie es ist, schaust du wie durch ein Fenster. Du findest mit dem Blick auf die Welt den Schöpfer. Wenn dir aber das Fensterglas nicht genügt...legst du etwas Silber auf und siehst dann nur noch dich selbst.“
Wer sehen will, wie das Antlitz der Erde vom  Heiligen Geist neu wird, darf kein Silber auf das Glas legen.. Sonst besteht die Gefahr, dass er nur noch sich selbst sieht. So glaubt der Mensch, der Geist der Weisheit gehöre ihm allein, und er nimmt das Geistes weises Handeln in den Mitgeschöpfen nicht mehr wahr.
Was geistloser Umgang mit der Schöpfung bewirkt, ist uns bekannt: Raubbau durch Plündern und Vergiften. Die entstellte Materie wehrt sich, bis sie ihr Antlitz wieder hat. Guter Geist des Menschen verbirgt sein Gesicht nicht vor den Alarmzeichen der Natur. Er ruft: „So geht es nicht weiter!“ Das Schwefeldioxyd reizt die Nase und der Bleigehalt belastet die Lunge. Doch das sind Symptome der Krise. Das Gesicht der Erde wird von manchen nicht mehr so gesehen, wie Gott es uns zeigen will.
Darum die Mahnung des Geistes: Lerne erneut richtig sehen, damit dein Blick bis zum Himmel reicht.
Liebe Schwestern und Brüder! Der Heilige Geist ist dort tätig, wo der Mensch der Erde trau bleibt. Wo jeder das Seine beiträgt, um statt Raubbau Aufbau zu tun, da erlebt die Schöpfung ihr neues Gesicht. Ihr Ruf wird erhört: „Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu.“
Pfarrer Stanislaus Wischnewski, Kath. Kirchengemeinde St. Altfried/St. Ansgar, Seevetal