Predigt am 25. Juni 2006 - Matth. 11,28-30

Wir leben in einer Welt, in der man sich ständig qualifizieren muss. Man muss überall gut sein. In der Schule geht es um gute Zensuren, fürs Studium braucht man den numerus clausus und später ein möglichst gutes Examen. Im Beruf muss man leistungsfähig sein und im Geschäft braucht man Erfolg. Sonst heißt es schnell: der Mann oder die Frau ist nichts wert. Unser Aussehen und Auftreten muss gut sein. Und nur nicht krank werden, denn sonst sackt unser Wert sehr schnell ab. Das geht nicht nur hochbezahlten Profis im Fußball oder in der Showbranche so, sondern das kennt jeder von uns. Es ist nun sicher nichts dagegen einzuwenden, dass Menschen das gesunde Bedürfnis haben, etwas zu leisten und ihren Beruf auszufüllen. Aber es wird unheimlich, wenn die Qualität eines Menschen nur noch danach bewertet wird, was er hat und kann und weiß und wie er funktioniert. Das führt dann zu seelisch und nervlich völlig überlasteten Menschen. Und wo sollen sich bei diesen Maßstäben die schwachen und kranken Menschen verstecken?
Zur Zeit Jesu gab es eine etwas andere Situation, die aber doch vergleichbar ist.  Es herrschte eine religiöse Leistungsgesellschaft. Der Mensch war vor Gott soviel wert, wie er fromme Leistungen brachte. So meinten es zumindest die strengen Hüter des Gesetzes. Und in über 600 genauen Vorschriften und noch viel mehr Ausführungsbestimmungen war festgelegt, wie ein Mensch zu leben hatte, um von Gott und Menschen anerkannt zu werden. Der Einzelne wurde dabei ständig kontrolliert.
Da ertönte eine neue Stimme im Land und viele atmeten auf. Sie hörten das Wort von Jesus, das bis heute gilt und woraus der Wochenspruch für diese Woche entnommen ist: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht."  - Wie mag dieses Wort in Ihren Ohren klingen? Ist es entlastend, weil Sie wissen, dass Sie bei Jesus alles abladen können? Oder sagen Sie: "Das habe ich nicht nötig. Ich komme schon alleine klar." Oder stolpern Sie womöglich über den Vergleich mit dem Joch?
Man nennt diese Worte den Heilandsruf. Man kann sich vorstellen, dass Jesus mit offenen Armen da steht und sagt: "Kommt her." Jesus zwingt keinen, aber er lädt ein: die Mühseligen und Beladenen, die mit den vielen Sorgen, die mit der großen Schuld. Es gibt viele Dinge, die uns Menschen belasten können. Manche Last schleppt man ein Leben lang mit sich herum. Und je länger man sie trägt, umso schwerer wird sie. Den Menschen damals sagte Jesus: "Der Glaube an Gott hat nichts mit Gesetzen und Lasten zu tun. Glaube ist etwas Frohmachendes, er schenkt den Menschen Freiheit." Heute sagt Jesus mit diesen Worten genau dasselbe. Wir sind zwar frei, wir leben in einer offenen und freizügigen Gesellschaft, dennoch gibt es viele Zwänge und Belastungen, unendlichen Leistungsdruck. Und allen, die den Druck nicht mehr aushalten, sagt Jesus: "Kommt her zu mir. Ihr dürft abladen. Ihr dürft eure Schuld los werden, ihr dürft mir eure Sorgen und Ängste sagen, ihr dürft bei mir ausruhen. Ich will euch erquicken." Vom Erquicken reden wir heute ja eher selten, aber wir kennen das Wort quicklebendig. So ist jemand, der frei von Sorgen und Lasten ist. Und so können und sollen wir auch werden. Der Geist Gottes macht quicklebendig. Und Erquickte können andere beleben.
"Aber," mag jetzt mancher sagen, "so einfach ist das auch nicht. Auch wenn ich im Gebet mein Problem vor Gott ausbreite, ist es noch da. Man wird in der Regel nicht einfach spontan geheilt, man hat weiter Sorgen mit den Kindern, Probleme mit den Finanzen und der Leistungsdruck ist auch nicht weg."
Da hilft dann das Bild vom Joch weiter: Ein Joch ist ein runder Bogen aus Holz, der den Ochsen über den Hals gelegt wurde. Daran band man das Geschirr fest. Auf diese Weise konnten die Ochsen den Pflug oder andere Lasten ziehen, ohne dass sie verletzt wurden. Ohne Joch hätte man damals wohl Seile um den Hals binden müssen und daran wäre das Tier erstickt. Ein Joch wurde auch für jedes Tier extra angefertigt, damit das Tier nicht wund gescheuert wurde. Ein Joch war also eine Hilfe. Und dann gab es noch das Doppeljoch, mit dem zwei Tiere nebeneinander gebunden wurden. Oft kam sicher ein ruhiger alter Ochse neben ein junges und ungebändigtes Tier. Das junge Tier lernte dann von dem alten. Und beide gemeinsam konnten noch viel mehr Lasten tragen und ziehen.
Dieses Bild vom Doppeljoch liegt unseren Bibelversen zugrunde. Jesus meint damit, dass wir Menschen auf der einen Seite im Joch sind und er auf der anderen. Wir haben Lasten, viele Lasten, schwere Lasten. Aber durch das sinnbildliche Joch wird es möglich, sie zu tragen, ohne dass sie uns den Hals zuschnüren. Jesus nimmt uns unsere Schuld und sicher auch manche andere Last. Er nimmt nicht einfach alle Last ab, aber er hilft tragen. Wir können uns im Geist vorstellen, dass Jesus neben uns hergeht und wir gemeinsam tragen. Und er trägt mit Sicherheit die größere Last. Denn dieses bildliche Joch wurde für uns maßgeschneidert. Es passt zu uns und überfordert uns nicht. Niemand bekommt mehr aufgebürdet, als er tragen kann.
Jesus lädt mit diesen Worten ein zu einer innigen Beziehung mit Gott. "Ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen." Das bedeutet doch, dass der, der voller Unruhe und Hektik und Leistungsdruck ist, zur Ruhe kommen kann. Bei Gott hat alles Suchen nach dem Sinn des Lebens ein Ende. Wenn das Gewissen plagt und unser Herz voller Angst ist, dürfen wir froh werden, weil bei Gott Heil und Vergebung zu finden ist.
Aber auch bei Jesus wird man "eingespannt", es gibt da das Joch. Doch das Joch Jesu ist sanft. Das bedeutet, es ist angemessen, es passt, es drückt nicht. Bei Jesus gibt es keinen Leistungsdruck, Jesus überfordert uns nicht. Seine Gebote sind keine Last, sondern Befreiung. Seine Aufträge sind unseren Möglichkeiten angepasst. Bei ihm müssen wir kein religiöses Leistungssoll erfüllen, sondern dürfen ausruhen.
Noch ein Letztes zum Joch: Das Doppeljoch diente auch dazu, dass die Tiere im gleichen Rhythmus gingen. Es half bei der Orientierung. Und wir Menschen, die wir mit Jesus sozusagen unter einem Joch gehen, können uns an Jesus orientieren, von ihm lernen. Er will die Gangart und die Richtung unseres Lebens bestimmen. Und wer sich darauf einlässt, merkt, dass das gut ist. Jesus hält unendlich viel Gutes für uns bereit und er lädt auch heute Menschen ein: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken." Amen.

Predigerin Gudrun Siebert, Landeskirchliche Gemeinschaft