Geist Gottes – mehr als eine windige Sache

TanGottesdienst, Landesgartenschau Winsen
Pfingstsonntag, 4.6. 2006

Liebe Gemeinde,
viele Leute halten Pfingsten für das unanschaulichste der großen kirchlichen Feste. Weihnachten: ja, ein neu geborenes Kind, das rührt jeden unmittelbar an. Karfreitag und Ostern: mit Kreuz und Auferstehung tun sich viele schon schwerer. Aber Pfingsten? Mit Gottes Geist wissen sie nichts anzufangen. Da wird doch nur viel Wind gemacht...

Gottes Geist, nur eine windige Sache?

Die Geschichte zu diesem Festtag, die wir eben noch einmal gehört haben, belehrt uns eines Besseren. Unglaublich, was da in Jerusalem geschieht: verängstigte, enttäuschte Menschen, die sich noch vor kurzem versteckt hielten und sich nicht rausgetraut haben, gehen auf die Straße; einfache Leute, nicht gewohnt viel zu reden, schon gar nicht vor so vielen Leuten, die stehen plötzlich mitten in der Menschenmenge und reden – von Gott, von dem auferstandenen Christus; von dem, was sie umtreibt.

„Es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem großen Wind...“ Die Bibel benutzt gern das Bild vom Wind, wenn Gott die Menschen bewegt: angefangen bei dem Lebensodem, den Gott dem Menschen einhaucht, damit er ein lebendiges Wesen werde; über Sturm und Donner am Berg Sinai, wo Mose die zehn Gebote entgegen nimmt; bis zu dem großen Brausen in der Pfingstgeschichte. Ob zarter Hauch, Sturm oder Brausen: der Wind ist ein Bild für Gottes Geist, der Menschen in Bewegung bringt; der sie erschrecken oder ermutigen kann; der ihnen kraftvoll in die Glieder fährt oder sie zärtlich berühren und trösten kann.

Geist Gottes – nur eine windige Sache?

Das wäre so, wenn diese Bewegung kein Ziel hätte; wenn sie die Menschen nur durcheinander, aber nicht zusammen brächte; wenn sie destruktiv wäre und Leben kaputt machte, statt es zu stärken. Solche windigen Geister gibt es zuhauf. Wir kennen ihre Namen und ihre hässlichen Gesichter: Egoismus; Fanatismus; Rassismus und wie sie alle heißen. Sie ziehen eine Spur des Leids und der Zerstörung nach sich.

Menschen können geradezu davon besessen sein. Dann setzen sie sich selber an Gottes Stelle und verlieren alle menschlichen Maßstäbe. Manche gehen buchstäblich über Leichen, sprengen sich und andere in die Luft. Andere sind gefangen in der Gier nach Geld, nach Besitz, wollen immer mehr haben, und verkaufen dabei ihre Seele, das Mitgefühl für andere; das Gespür für Barmherzigkeit, für Freundschaft, für Liebe. Wir sagen dann: „Die sind ja von allen guten Geistern verlassen!“ Aber wenn wir ehrlich sind, sind wir wohl alle nicht ganz frei davon.

Wie lassen sich die Geister unterscheiden?

Gottes Geist ist mehr als eine windige Sache, weil er ein Geist des Lebens ist; weil er den Menschen erst zu dem macht, wozu er geschaffen ist: zum Ebenbild Gottes. Jeder Geist, der andere Menschen klein macht und quält, der Angst und Schrecken verbreitet, der Leben vernichtet, ist ein böser, ein teuflischer Geist.

Gottes Geist ist ein menschenfreundlicher, lebensdienlicher Geist. Er begegnet uns in den Geschichten, die von Jesus erzählt werden. Er ist ein Geist, der -
- sich den Menschen zuwendet und sie annimmt;
- Frieden stiftet und versöhnt;
- Schuld vergibt und neues Leben schenkt;
- andere ermutigt und tröstet, der ihnen wieder aufhilft;
- jeden Menschen mit Gottes Augen, den Augen der Liebe ansieht und ihm dadurch neues Selbstvertrauen gibt.

In der Nachfolge Jesu hat dieser Geist durch die Jahrhunderte immer wieder Menschen bewegt, hat frischen Wind in ihr Leben und dadurch auch in die Kirche und in die Welt gebracht. -

Menschen in Bewegung: das löst also ganz unterschiedliche Assoziationen aus:

Not und Elend, wenn wir an die Menschen in Indonesien denken, die das Dach über dem Kopf und den Boden unter den Füßen verloren haben, weil sich die Erde plötzlich bewegt hat.

Oder Unterdrückung und Gewalt, wenn Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden und auf der Flucht sind.

Aber auch Wohlbefinden, Gesundheit, Schönheit:
- Bewegung kann dem Körper gut tun wie beim Wandern oder Radfahren.
- Sie kann dem Mannschaftsgeist dienen wie beim Fußball.
- Bewegung kann ästhetisch schön sein wie beim Tango, wenn zwei Körper sich in großer Harmonie bewegen: der Tanz als uralte Ausdrucksform von Religiosität. Gleichklang zwischen Körper, Geist und Seele. Gut, dass wir diese Dimension auch in unserer lutherischen Kiirche langsam wieder entdecken.

Menschen in Bewegng: hier auf der Landesgartenschau gehört das zum Programm. Da ist der frische Wind direkt auf der Haut zu spüren. Sie wandeln umher und freuen sich an der Vielfalt und Pracht der Blumen. Sie lassen sich von den Tafeln des Auferstehungsweges innerlich anrühren und bewegen. Und hier im Gottesdienst erleben Sie sogar getanzte Bewegung, Gestalt gewordene Begeisterung. Alles Spuren des Geistes Gottes, der Menschen bewegt; der sie mit auf den Weg nimmt; auf den Weg des Lebens. -

In einem kleinen Dorf im Sprengel Lüneburg hat die Pastorin Jugendliche um sich gesammelt, die sonst nur auf der Straße rumhingen und auf dumme Gedanken kamen, andere anpöbelten, Papierkörbe oder Parkbänke anzündeten... Die Leute im Dorf  hatten schon richtig Angst vor ihnen. Durch die Gespräche mit der Pastorin haben sich die Jugendlichen auf das besonnen, was sie auch noch können: nämlich reparieren, einkaufen, schwere Sachen schleppen, Rasen mähen, Holz sägen, Keller aufräumen... Inzwischen hat sich in dem Dorf eine regelrechte Helfertruppe gebildet, die gerne von alten Menschen angefordert wird. Im vorigen Herbst habe ich dieser Kirchengemeinde das Siegel „Diakonische Gemeinde“ verliehen.-

Pfingsten: Gottes Geist, der Geist des Lebens, ergreift Menschen und bringt sie in Bewegung. Das ist wahrhaftig mehr als eine windige Sache! Überall da, wo das geschieht, bleibt die Welt nicht, wie sie ist. Es kommt frischer Wind ins Leben. Heilsame Bewegung: Menschen werden wieder heil; kommen mit sich selber, mit ihren Mitmenschen, mit Gott ins Reine.

Genießen wir noch einmal den Tanz; spüren wir der Harmonie in uns nach und schwingen wir mit in der geistvollen Bewegung des Lebens. Fangen wir neu an zu leben – durch Gottes Geist. Amen.

Landessuperintendent Hans-Hermann Jantzen, Lüneburg