Predigt zum Thema Atem im Klostergarten am 28. Mai 2006

Liebe Gemeinde,
heute Morgen möchte ich unsere Aufmerksamkeit auf etwas lenken, was uns so nah und so vertraut ist, dass wir es normalerweise kaum noch wahrnehmen: auf unseren Atem.
Während ich hier vorne rede und Sie zuhören, geht durch uns der Atem hindurch. Und auch heute Nacht schlief unser Atem nicht, sondern versorgte unseren Körper weiter mit frischer Luft.
Wenn wir es genau überlegen, so beginnt unser Leben so richtig erst mit dem ersten Atemzug, wenn wir den Mutterleib verlassen haben. Und unsere Zeit endet mit dem letzten Atemzug, wenn wir eines Tages unser Leben aushauchen.
Unser Atem bestimmt unser Leben. Wir leben von ihm, aber wir können ihn nicht willkürlich verkürzen oder verlängern. Wir können ihn nur in sehr engen Grenzen manipulieren. Z.B. wenn wir beim Tauchen die Luft anhalten.
Die Bibel erzählt, dass Gott dem Menschen seinen Atem einhaucht. „Da machte Gott der Herr den Menschen vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase“ so heißt es in der Schöpfungsgeschichte (Gen 2,7). Auf diese Weise wird aus dem leblosen Erdenkloß ein lebendiges Wesen. Der Atem, sagt darum die Bibel, ist heilig. Er ist unantastbar.
Aber nicht nur der Mensch hat seinen Atem, seine Lebenskraft von Gott, sondern alles, was lebt. In allem, was lebt, lebt auch dieser Atem, sozusagen ein Hauch von Gott. Vielleicht sind viele darum so gerne in der Natur, weil sie da diesen Lebensatem Gottes spüren.
Zum Atmen gehört aber auch ein bestimmter Rhythmus: Wir atmen ein und wir atmen aus. Vielleicht legen Sie ruhig mal Ihre Hand vorne auf die Brust, um zu spüren, wie es in Ihnen atmet.
In diesem Wechsel von Einatmen und Ausatmen vollzieht sich unser Leben. Wir können uns diesem Rhythmus nicht entziehen, selbst wenn wir es wollten. Wir können nicht beschließen: „Ab sofort halte ich die Luft an und höre auf zu atmen.“ Der Rhythmus ist stärker.
Die Bibel erzählt in den Schöpfungsgeschichten, dass nicht nur der Mensch seinen Rhythmus hat, sondern die ganze Schöpfung in einem bestimmten Rhythmus schwingt. „Am Anfang“, so heißt es, „schuf Gott Himmel und Erde“ - Sechs Tage hat er dazu gebraucht, und am siebten Tag hörte er auf, ruhte er.
Was uns damit gesagt ist, ist dass der ganzen Schöpfung ein bestimmter Rhythmus gegeben ist: sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag sollst du ruhen. In diesem Wechsel von Tun und Lassen soll sich unser Leben vollziehen. Und auch das gilt keineswegs nur für uns Menschen, sondern für die ganze Schöpfung. Alles, was lebt, darf Atem holen und soll sich an den erinnern, der diesen Atem geschenkt hat. Deshalb ist auch der Sonntag ein besonderer Tag zum Atemholen.
An dieser Stelle merken wir allerdings, dass sich bei uns da manches ganz anders entwickelt hat. Wie oft sind wir dabei, unseren Atem zu verlieren, sind außer Atem, gehetzt von Terminen und Verpflichtungen. Dann muss der Sonntag herhalten, um das noch zu erledigen, was an den sechs Werktagen nicht geschafft wurde. Und oft genug wurde schon, wenn es um wirtschaftliche Dinge geht, um das Sonn- und Feiertagsgesetz gestritten.
Wir Menschen sind dabei unseren Rhythmus zu verlieren. Und nicht nur das: Wir übertragen unser Gehetztsein auf die Natur. Wir wollen nicht nur dann ernten, wenn Erdbeeren und Spargel reif sind, sondern möglichst das ganze Jahr über. Dazu müssen wir aber Erdbeeren und Spargel und noch viel mehr aus der ganzen Welt herbeischaffen - mit all den ökologischen Kosten, die das verursacht. Wir entwickeln eine Mobilität und einen Fortbewegungsdrang, der uns in die letzten Winkel der Erde bringt, mit der wir aber auch in wenigen Jahrzehnten die Energievorräte verprassen, die in Jahrmillionen der Erdgeschichte entstanden sind.
Und wenn mein Eindruck nicht täuscht, dann werden wir nicht ruhiger dabei, zufriedener, sondern immer atemloser, immer in der Angst, uns könnte etwas entgehen. Wir treiben nicht nur unseren Puls in die Höhe, sondern auch den Pulsschlag der Schöpfung. Wir fragen nach mehr, wo es eigentlich darauf ankäme zu lernen, wie wir mit weniger auskommen, weniger Mobilität, weniger Energieverschwendung, weniger Konsum.
So sind wir Menschen dabei unseren Rhythmus zu verlieren und ich frage mich, wohin das noch führen wird.

Spüren Sie Ihren Atem? Wie er langsam hineinströmt in die Lungen und wieder heraus? Der Rhythmus des Leben, den Gott uns gab. Das sollten wir viel öfter machen: uns besinnen auf diesen Lebensrhythmus.
Darauf kommt es an: Luft holen, den Atem wieder finden, den eigenen Rhythmus entdecken. Den Pulsschlag des Lebens kennen lernen und respektieren: das Arbeiten und das Ruhen, das Tun und das Lassen, das Einatmen und das Ausatmen, das Säen und das Ernten. Die Natur nicht pausenlos für sich zu beanspruchen und nicht immer mehr Leistung und Produktion von sich selbst zu verlangen, sondern der Natur und sich selbst Atem gönnen, Zeiten der Ruhe und Erholung.
„Gott gab uns Atem, damit wir leben“ - das ist das Geschenk, das uns am Morgen und in der Nacht begleitet, vom Anfang bis zum Ende unseres Lebens. Ich glaube, dass es darauf ankommt, sich immer wieder auf diesen Atem zu besinnen, von dem wir leben und von dem wir gleich singen werden. Sich erinnern an den Pulsschlag des Lebens, den wir nicht machen, aber von dem wir doch grundlegend abhängig sind.
Gott hat allem Leben seinen Rhythmus eingestiftet. In allem, was lebt, wohnt ein Hauch von Gott. Nehmen wir diesen Hauch, diesen Schöpfungsatem in Acht, damit wir leben können!
Ich wünsche Ihnen, dass Sie diesen Hauch von Gott heute auf der Landesgartenschau entdecken und genießen können.
Amen

Silke Ideker, Pastorin in Raven