Winsen, 24. Mai 2006
Apostelgeschichte 1, 3-4; 8-11

Gnade sei mit euch und Friede von Gott und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,
wie steht es für uns mit dem Himmel? Bei einem Interview auf der Technikmesse „Ideenpark“ in Hannover wurde ich am letzten Sonntag gefragt, ob nicht die Kirche bzw. der christliche Glaube von der technischen Entwicklung ziemlich angegriffen sei, weil wir den Himmel doch inzwischen kennen! Astronauten waren auf dem Mond, die Marssonde gibt es, und Satelliten bevölkern den Himmel allerorten.

Das ist zu kurz gegriffen, denke ich. Ich kann gut beten: „Vater unser im Himmel“. Weil der Himmel für das steht, was unverfügbar ist, was weiter reicht als das, was wir erkennen und erforschen, weiter als unser Leben. Denn ich glaube, dass unser Leben mit dem Tod nicht endet, sondern bei Gott Zukunft hat. Der Himmel steht für mich für die Unendlichkeit Gottes. Auch Physiker heute bestätigen uns ja, dass wir nicht alles begreifen, dass die Entstehung der Welt nicht schlicht schematisch erklärt werden kann.

Und manchmal, wenn wir in den Himmel schauen und alles hinter uns lassen, was uns quält und treibt, was uns belastet und hektisch werden lässt, dann spüren wir etwas von der Weite des Himmels. Dann bekommen wir eine Ahnung davon, dass da viel mehr ist, als wir sehen und analysieren können. Dann wird uns deutlich: Gottes Welt ist schlicht größer als das, was wir wahrnehmen können, da ahnen wir etwas vom Himmel...

Lassen Sie uns heute an Himmelfahrt hier auf der Landesgartenschau in Winsen drei Spuren nachgehen aus dem Text, den wir eben aus der Apostelgeschichte zur Himmelfahrt des Auferstandenen gehört haben.

1. Jesus verlässt uns. Aber er lässt uns nicht allein.

Gott ist Mensch geworden. Das ist die vielleicht stärkste Unterscheidung zu allen anderen Religionen, die wir kennen. Gott bleibt nicht fern, Gott kennt uns, kennt Leiden, ja sogar Sterben. Für mich ist Jesus die Möglichkeit, Gott zu erkennen. Er ist für mich der Weg, die Wahrheit und das Leben. Bei einer Veranstaltung zum interreligiösen Dialog wurde ich kürzlich gefragt, ob ich denn nicht sagen könne, Jesus sei ein Weg und eine Wahrheit, das würde manches doch leichter machen. Das aber wäre ein billiger Ausweg, denke ich. Gerade in einer Zeit, in der unser Glaube so angefragt ist, muss ich wissen, wo ich stehe, wenn ich Menschen mit anderem Glauben oder ohne Glauben gegenübertrete.

In diesen Tagen erleben wir, wie allseits ein Buch bzw. ein Film Aufsehen erregen, die reißerisch erklären, Jesus habe geheiratet, sei gar nicht am Kreuz gestorben, und all das sei von der Kirche mit allergrößtem Aufwand vertuscht worden. „Du liebe Zeit,“ kann ich da nur sagen, „liebe Leute, lest doch bitte nicht bei Dan Brown nach, sondern in der Bibel, wenn ihr etwas über Jesus wissen wollt.“ Und als Kirchenleute sollten wir da ganz gelassen reagieren: es gibt viele Romane, Dan Brown mag auch spannend schreiben, aber Orientierungspunkt für unseren Glauben ist die Bibel! Das Gesicht des Glaubens ist für uns das Gesicht von Jesus, wie wir ihn in der Bibel kennen lernen. Durch ihn finden wir Zugang zu Gott, durch ihn verstehen wir, wer Gott für uns sein will.

In diesem Gesicht begreifen wir auch, dass Gott Leiden kennt. Es gibt auch das schmerzverzerrte Gesicht am Kreuz. Ich brauche keinen Film von Mel Gibson, um mir das vorzustellen. Ein gefolterter Mensch, ein Sterbender, um ihn herum die Mutter, die Freundinnen und Freunde, die mitleiden, nicht helfen können. Der sterbende Mann am Kreuz ist das Gesicht Gottes. Vielen Menschen in anderen Religionen ist das völlig unverständlich. Ein so schwacher Gott. Einer, der sich gar als verletzbarer Säugling in die Welt begibt. Wie kann das Gott sein?

Und doch ist uns gerade so unser Gott näher als irgendeiner, der mit dem Schwert kämpft, der heroisch ist, der Gefühlen überlegen ist. Ich kann beten zu Gott, weil ich weiß, dass Gott mein Leiden, meinen Schmerz und Kummer versteht. Ich kann mich Gott anvertrauen, weil Gott weiß, wie das ist, wenn ein Kind den Vater verlässt, wenn eine Frau den Groschen sucht, wenn ein Freund dich verleugnet, obwohl er Treue geschworen hat, wenn eine Frau sieben Männer hatte. Das Gesicht Gottes ist das der Liebe, der Blick der Liebe, der die Menschen streift. Und wir glauben, dass in jedem Menschen etwas von diesem Gesicht Gottes erkennbar ist. Deshalb hat jeder Mensch eine unverlierbare Würde.

Was wir von Jesus wissen, ist durch die Bibel überliefert. Wir können gelassen sein, wenn Dan Brown oder andere sich daran abarbeiten. Jesus konnte aber nicht bleiben. Gott hat eine größere Dimension als unsere Welt. Himmelfahrt bedeutet: da ist mehr als Jetzt und Hier. Gottes Welt geht weiter. Davon berichtet Himmelfahrt. Ja, er ist auferstanden. Aber er geistert nicht durch die Welt, sondern ist in Gottes Geborgenheit, die auch uns offen steht. Das beschreiben die Evangelien, davon erzählt die Apostelgeschichte. Die Jüngerinnen und Jünger haben wahrgenommen: Er ist nicht mehr bei uns wie zu Lebzeiten. So ganz können wir uns das nicht vorstellen. „Eine Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg“ heißt es. Das ist jedenfalls die Spannung, die die Jünger erfahren: Er ist nicht tot. Und doch ist er nicht mehr hier. Und doch sind wir nicht verlassen. Da ist ein Stück Himmel auf Erden, Gott unter uns, das spüren wir. Das wird mit dem Heiligen Geist beschrieben, von dem die Pfingstgeschichte dann spricht, den Jesus schon an Himmelfahrt ankündigt: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“.

2. Der Himmel geht über allen auf.

„Der Himmel auf Erden“ – das wird oft gesagt, wenn Menschen besonders glücklich sind. Und wir sollen ja auch glücklich sein. Gott will erfülltes Leben für die Menschen. Auf so einer Landesgartenschau wie hier in Winsen lernen wir auch neu das Staunen über die Schönheit der Schöpfung. Das kann im Herzen ein Überschäumen vor Freude und Glück auslösen. So eine Freude, wie wir sie in den Liedern etwa von Paul Gerhardt oft wahrnehmen: Geh aus mein Herz und suche Freud. Oder wie wir es zum Eingang gesungen haben: Wie lieblich ist der Maien. Da wird die Freude an der Natur in Verbindung gebracht mit dem eigenen Leben: Die Sonne soll ins Herz scheinen, und die Blumen der Tugend sollen aufgehen, wie es heißt. Diese Dankbarkeit Gott gegenüber, die Freude an der Schöpfung, der Lobpreis himmlischer Boten und Erfahrungen gehen allzu oft verloren, wenn wir nur das Machbare sehen, das, was wir beherrschen.

Wie im Himmel, so soll es sein auf Erden, das bekennen wir jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis. Wie im Himmel, das heißt wohl: Alle haben genug zu essen, alle können ohne Angst und frohen Herzens leben. Himmel, das meint, die Menschen sind glücklich.

Und doch wissen wir, dass viele eher die Hölle auf Erden erleben. Ich denke an die Hungernden auf der Welt, an die Kindersoldaten, die vergewaltigten Frauen, an all die schlimmen Nachrichten, mit denen wir täglich konfrontiert sind. Kann da ein Stück Himmel auf Erden erkennbar sein? Ich denke, ja. Das ist immer da möglich, wo Menschen aufeinander zugehen, wo sie ihre alten Pfade von Hass und Streit verlassen und Versöhnung möglich wird. Wir alle können eine Spur des Himmels mitten auf der Erde legen.

Als ich im Februar in Porto Alegre war, zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, da spielte im Hintergrund das Thema HIV/Aids eine große Rolle. Die meisten Kirchen waren aber dagegen, das im Plenum zu behandeln. Irgendwie hatte das für sie etwas mit Sexualität, ja Homosexualität und deshalb mit Schuld, Sünde und Strafe zu tun. Kurzum, das Thema wurde verschwiegen. Dann kam eines Tages eine Frau auf die Bühne, die im Plenum sagen sollte, wie sie Gnade versteht. Die attraktive Bolivianerin erzählte, sie sei vor zwei Jahren auf der Straße von zwei Männern so brutal vergewaltigt worden, dass sie kaum überlebt habe. Nach einigen Wochen teilten ihr die Ärzte mit, sie sei zudem HIV infiziert. Und dann erzählte sie, wie sie mit Gott gehadert habe, wie sie geschrien und geweint habe, weil sie nicht wusste, was aus ihr und ihren Kindern werden sollte. Und wie sich auf einmal Türen geöffnet haben, Menschen sich ihr zur Seite gestellt haben und sie sich mit Gott versöhnen konnte. Sie hat den Weg frei gemacht, über unsere Kirchen und die Herausforderung durch HIV/Aids zu sprechen. Das war wie eine Befreiung. Ein Stück Himmel, der auf der Erde plötzlich sichtbar wurde.

Wir werden die Erde nicht zum Himmel machen, nein. Da dürfen wir weder naiv sein noch überheblich. Aber einfach aufzugeben und die Welt sich selbst überlassen, das geht auch nicht. Wir sind in die Welt gewiesen. Der Heilige Geist gibt uns die Kraft, ein wenig vom Himmel auf der Erde erkennbar zu machen.

3. Was steht ihr da und seht zum Himmel?

Mir gefällt in der Apostelgeschichte so besonders gut, dass die Jünger offensichtlich weiter in den Himmel schauen, sich sehnen danach, mit Jesus in den Himmel zu gehen. Und dann kommen diese beiden Engel und sagen ganz nüchtern: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Für mich ist das eine Aufforderung, sich nun dieser Welt zuzuwenden. Wir müssen nicht in ferne Welten abschweifen, uns von der Welt fernhalten, uns abschotten oder uns besser als diese „schnöde Welt“ fühlen. Nein, mitten in diese Welt sind wir gestellt. Hier und jetzt haben wir uns zu bewähren.

Mir wird als Bischöfin oft gesagt, ich solle mich heraushalten, nicht so viel in die Welt einmischen, mit dem Eigentlichen mich befassen. Aber was ist denn das Eigentliche? Ich denke, Jesus schickt uns nach Jerusalem, nach Winsen oder nach Hannover. Da sollen wir unseren Glauben leben. Wenn wir uns an Kindern freuen, dann können wir ein Stück Himmel auf Erden schaffen. Oder wenn wir uns um Alte sorgen. Ich denke an ein Heim für Demenzkranke, das ich vor Kurzem in Nienburg kennen gelernt habe. Da werden die Alten nicht ruhig gestellt mit Medikamenten. Sie können herumlaufen, ja sie werden notfalls sogar im Stehen oder im Laufen gefüttert. Und regelmäßig kommen Kinder aus der Kindertagesstätte und spielen mit ihnen. Das hätten Sie sehen sollen. Da wird eine 84-Jährige zum kleinen Mädchen, und der kleine Junge, der ihr den Ball zuwirft, sagt ihr: „Macht ja nichts, dass du ihn nicht gefangen hast, wir versuchen es noch einmal.“ Die alte Frau lacht, ja, da habe ich ein Stück Himmel auf Erden gesehen...

Liebe Gemeinde, Himmelfahrt heißt für mich: Jesus war auf der Erde, er war hier als Mensch, Gott wurde Mensch, und deshalb ist Gott uns nahe. Aber Gott konnte nicht Mensch bleiben, unsere Kategorien sind zu eng, um Gott zu halten, zu definieren. Der Gekreuzigte ist auferstanden, ist gegenwärtig im Geist, aber bei Gott im Himmel in Gottes viel größerer Wirklichkeit. Nein, erklären können wir das wissenschaftlich nicht. Verfilmen können wird das auch nicht publikumswirksam. Aber wir dürfen es glauben, uns diesem Gott anvertrauen und Spuren von Gottes zukünftiger Welt schon in dieser Welt legen. Hierher hat uns Gott gestellt. Hier übernehmen wir Verantwortung. Und auf Gottes zukünftige Welt dürfen wir hoffen. Amen.

Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann