Predigt beim Gottesdienst im Klostergarten am 07.05.2006

Joh. 15,5 – Ich bin der Weinstock

Wer ist Jesus? Wie ist Jesus? so fragen immer wieder Menschen. Jesus selbst hat vielfältige Antworten auf diese Frage gegeben. Unter anderem gebraucht er Bilder und Vergleiche aus dem Alltag, um sein Wesen deutlich zu machen. Manche beginnen mit den Worten „Ich bin“, dann folgt ein Vergleich, z.B. das Licht, der gute Hirte, Brot des Lebens. Und mit all diesen Bildern will er einen bestimmten Teil seines Wesens ausdrücken. Heute geht es um das Bild des Weinstocks. Ich lese Joh. 15,5: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun."

Drei Dinge sind mir wichtig an diesem Vers:

1) Jesus ist der Weinstock
Mit dem Bild vom Weinstock greift er einen alten israelitischen Vergleich auf. Es geht hier nicht einfach nur um den Vergleich zwischen einer Pflanze und der Frucht. Dieses Bild ist nicht austauschbar mit anderen Pflanzen, etwa „Ich bin der Baum, ihr seid die Pflaumen.“ Nein, es geht hier zum einen um die edelste Frucht, das edelste Getränk festlicher Freude. Und zum andern geht es um die Verbindung zu Gott. Im Alten Testament wurde das Volk Israel als Weinstock Gottes bezeichnet. Und nun sagt Jesus von sich selbst: „Ich bin der wahre Weinstock.“ Jesus ist damit das neue Gewächs Gottes. Ein Weinstock oder auch ein Weinberg bietet im Winter einen trostlosen Anblick. Man sieht nur ein paar Stecken. Im Frühjahr schneidet der Winzer die Weinstöcke noch einmal zu, sodass nur der Stock und zwei Äste rechts und links übrig bleiben. Das sieht dann aus wie ein Kreuz. Weil die Säfte aus den Wurzeln treiben, bilden sich an den Schnittstellen Tropfen, die zur Erde fallen. Man sagt: Der Weinstock blutet. Danach wachsen neue Zweige und Blätter. Und dies erscheint jedes Jahr wie ein Wunder.

Jesus ist so ein Weinstock, der gekreuzigt wurde, der blutete, der sich selbst opferte, damit neues Leben entsteht. „Ich bin der Weinstock.“ Das ist ein opferbereites Wort. Jesus vergleicht sich nicht mit einer hoch gewachsenen Zeder auf dem Libanon (so wird im AT der Gerechte genannt), Jesus vergleicht sich auch nicht mit einer alten stämmigen Eiche, sondern mit dem Weinstock, der im Winter trostlos aussieht, der blutet und der dann kraftvoll neues Leben hervorbringt. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Was wird nun über die Reben ausgesagt?

2) Reben haben Verbindung mit dem Weinstock
Zunächst einmal ist der Vergleich mit der Rebe entlastend. Wir sind nicht die Wurzeln, die das Wasser suchen müssen. Wir sind nicht der Stamm, der die ganze Last trägt. Wir sind auch nicht die Krone, die über alles herausragt. Wir sind Zweige, die am Stock bleiben und nehmen, was sie brauchen. Zweige, die eine Verbindung zu Stamm und  Wurzel haben. Diese Verbindung wird auch Bleiben oder Dranbleiben bezeichnet. „Bleibet in mir.“ sagt Jesus. Dieses Bleiben ist nicht etwas Statisches, sondern sehr dynamisch, eine Tätigkeit, eine Anstrengung. Denn nur in der Verbindung mit dem Weinstock, in der Verbindung mit Jesus hat man Kraft für den Alltag. Bleiben am Weinstock, Bleiben an Jesus geschieht auf vielfältige Art und Weise: durch Beten, Bibellesen, Kontakt mit anderen Christen. Bleiben am Wort, Bleiben am Gebet, Bleiben in der Gemeinde. Diese Dinge sind wichtig, diese Dinge verlangt Jesus und weist sogar auf die Konsequenzen hin. Einen Vers weiter heißt es: „Wer nicht in mir bleibt, wird weggeworfen und verbrannt.“ Das Holz der alten Reben ist wertlos, man kann keine Möbel damit bauen, es ist auch kein Bauholz. Man kann es nur verbrennen. Wer aber an Jesus bleibt, ist wertvoll. Unser Wert hängt nicht von unserem Können ab, unser Wert hängt nicht an unserem Gesundheitszustand und unseren Kräften. Unser Wert hängt davon ab, ob wir bei Jesus bleiben. Und deshalb sind auch die, die körperlich keine Kräfte mehr haben aber in ihrem Herzen an Jesus hängen, für Gott unendlich wertvoll. Bei dem Bleiben geht es nicht darum, möglichst viel zu wirbeln, sondern um den Kontakt zu Jesus.

3) Reben sollen Frucht bringen
Hier geht es ganz konkret um die Frucht. Frucht, das sind keine Blätter. Ein Weinstock mit grünen Blättern sieht sicher üppig aus, das ist aber keine Frucht. Bei Christenmenschen gibt es ja auch schöne Blätter: einen Taufschein, eine Konfirmationsurkunde oder ein Trauschein. Das sind schöne Blätter, aber oft auch schon mal fromme Feigenblätter und keine Frucht.

Frucht, das sind auch keine Blüten. In manchen Gemeinschaftskreisen oder Gemeinden geht es ja recht bunt zu. Da gibt es schon mal seltsame Blüten, da ähnelt manches sicher eher einem Treibhaus, wo junge Pflanzen fernab der Welt herangezüchtet werden. Gott will aber keinen botanischen Garten, sondern einen Weinberg mit Früchten. Höhepunkt von Gottes Schöpfung ist nicht die Blüte, sondern die Frucht.

Frucht, das sollten auch keine faulen Früchte oder Früchtchen sein. In dem Abschnitt vorher ist auch die Rede davon, dass faule Früchte beschnitten werden, damit sie mehr Frucht bringen. Jesus will uns ja auch reinigen, frei machen von Schuld und Sünde.

Jesus will Frucht, dicke Trauben, saftige Trauben. Wie sehen die nun konkret aus? – Frucht ist ganz vielfältig. Im eigentlichen Sinne geht es hier um das Weitersagen der guten Nachricht von Jesus Christus. Denn Frucht ist ja die Vermehrung dessen, was in einer Pflanze drinsteckt. Wir sollen den Missionsbefehl ernst nehmen und das Evangelium verkündigen. Frucht, das sind Menschen, die zum Glauben an Jesus gefunden haben. Frucht, das ist eine Gemeinde oder Gemeinschaft, die wächst, wo neue Christen dazukommen.

Das Wort Frucht wird aber auch noch in anderer Hinsicht gebraucht.

Paulus schreibt im Gal.-Brief: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.“ Das sind gewaltige Worte, aber solche Frucht ist möglich. Ein paar Beispiele: Liebe, kann ich nicht aus mir selbst hervorbringen, aber sie ist etwas, was Jesus schenkt. Jesus beschenkt uns mit seiner Liebe. Er hat uns zuerst geliebt. Und wenn wir die Verbindung zu ihm halten, kann Liebe in uns wachsen und wir können diese Liebe weitergeben. Dann ist es Frucht.

Geduld: wird in der Bibel als Frucht bezeichnet. Und da ist was dran. Aber auch an diesem Punkt können wir von Jesus lernen, uns beschenken lassen. langsam wachsen, allmählich geduldiger werden.

Frieden: wollen wir alle so gerne und wissen, dass es so schwer ist, ihn in die Tat umzusetzen. Aber mit Jesu Frieden im Herzen können wir anderen Menschen anders begegnen.

Wir möchten so gerne Frucht bringen, all die positiven Eigenschaften ausstrahlen. die Frage ist nur: Wie gelingt denn Frucht?

Frucht wächst aus der Verbindung mit dem Weinstock. Ich selbst muss an Jesus festhalten.

Frucht kann man nicht befehlen. (Bitte wachsen!) Ich kann mir keine Geduld befehlen und anderen nicht das Christsein befehlen.

Frucht kann man nicht manipulieren: Bei Kühen kann man mit Musik mehr Milch entlocken, bei Weinstöcken geht das nicht, und bei Menschen auch nicht.

Frucht kann man nicht erzwingen durch Hektik, Stress oder besondere Leistung.

Frucht ist auch nicht der Erfolg einer besonderen Leistung.

Frucht wächst – von allein – in der Verbindung mit Jesus.

Wenn Jesus vom Fruchtbringen redet, dann gibt er keinen Befehl, sondern eine Verheißung. Es ist die realistische Schau: Ohne mich könnt ihr nichts tun. Aber mit mir – und wenn ihr in mir bleibt, da bringt ihr viel Frucht.

 

Gudrun Siebert, Predigerin Landeskirchliche Gemeinschaft im Bezirk Winsen