Predigt beim Abschluss-Gottesdienst im Klostergarten am Sonntag, dem 15. Oktober

Der dänische Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard schreibt:
„Die Sonne scheint für dich – deinetwegen, und wenn sie müde wird, beginnt der Mond, und dann werden die Sterne angezündet.
Es wird Winter, die ganze Schöpfung verkleidet sich, spielt Verstecken, um dich zu vergnügen.
Es wird Frühling, Vögel schwärmen herbei, dich zu erfreuen, das Grün sprießt, der Wald wächst schön und steht da wie eine Braut, um dir Freude zu schenken.
Es wird Herbst, die Vögel ziehen fort, nicht, weil sie sich rar machen wollen, nein, nur damit du ihrer nicht überdrüssig würdest.
Der Wald legt seinen Schmuck ab, nur um im nächsten Jahr neu zu erstehen, dich zu erfreuen...
All das sollte nichts sein, worüber du dich freuen kannst?
Lerne von der Lilie und lerne vom Vogel, deinen Lehrern:
Zu sein heißt: für heute da sein – das ist Freude.“
Du bist geschaffen.
Du bist da.
Du bekommst heute
das zum Dasein Nötige.
Du wurdest erschaffen.
Du wurdest Mensch.
Du kannst sehen,
bedenke: Du kannst sehen,
du kannst hören, du kannst
riechen, schmecken, fühlen.
Ein Gedicht von Rose Ausländer bringt das auch zum Ausdruck:  „Wieder ein Morgen / ohne Gespenster / im Tau funkelt der Regenbogen / als Zeichen der Versöhnung / Du darfst dich freuen / über den vollkommenen Bau der Rose / darfst dich im grünen Labyrinth / verlieren und wieder finden / in klarer Gestalt / Du darfst ein Mensch sein / arglos / Der Morgentraum erzählt dir Märchen/  du darfst die Dinge neu ordnen / Farben verteilen / und wieder / schön sagen / an diesem Morgen / du Schöpfer und Geschöpf“.
„Sorget Euch nicht um Euer Leben, was Ihr essen werdet, noch um euren Leib, was Ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als das Kleid? Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln nicht in Scheunen, und Euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid Ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer aber von Euch vermag mit seinen Sorgen seiner Lebenslänge eine einzige Elle hinzuzufügen?“ (Matthäus 25-27)
Das sagt Jesus im Matthäusevangelium. Worte, die mitten in unseren hitzigen Arbeitsalltag hineinrufen und zum Innehalten anregen. Hey! Mach mal halblang! Komm, setz Dich hierher, in den Schatten. Wenigstens für ein paar Minuten. Siesta. Nichts tun. Mal die Augen schließen und zurückdenken, an den schönen, stillen Moment , als Gott plötzlich ganz nah war. Jörg Zink erzählt von solch einem Moment  in seinem Gedicht: „Ich stehe am Ufer / und die Stille ist voll / deiner Gegenwart. // Ich warte auf ein Wort / aus einer anderen Welt, / von dir. // Ich weiß, dass du mich siehst, / und öffne dir mein Herz. // Ich war allein / mitten unter den Menschen. / Nun bin ich in dir. // Ich war gefangen / in mir selbst. / Nun bin ich frei. // Ich atme den Wind / und die Weite. / Ich atme dich.“
„Zu sein heißt: für heute da sein – das ist Freude“, so der dänische Theologe Sören Kirkegaard. Und für dieses zweckfreie „Sein“ um des Daseins und der Freude willen wirbt er:
„Zu sein heißt: für heute da sein – das ist Freude“.
Im Eckermannpark habe ich beobachtet, wie ein kleiner Junge quietschvergnügt auf den Steinen in dem Wassergürtel bei dem Wall zur Bahn hin lief. Schnell zog sein Vater die vielleicht zu engen Schuhe aus und lief ihm einfach barfuß hinterher. Ob er dabei an Kierkegaard gedacht hat, weiß ich nicht, aber er hat das gelebt, was er sagt: „Zu sein heißt: für heute das sein – das ist Freude.“
Menschen haben das auf der Landesgartenschau erlebt – einfach für heute da sein. Sie haben es im Klostergarten hier erlebt. Davon zeugen die Eintragungen im Gästebuch. Das Ehepaar Trappe hat ein paar Eintragungen ausgesucht. Sie werden jetzt vorgelesen:
1. Trink, oh Seele, was das Auge hält
von dem goldenen Überfluss der Welt –
schön ist es, beim Durchstreifen der Landesgartenschau, mit Besuch von lieben Freunden aus der Ferne einen ruhigen Pol zu haben, wo man Ruhe, Besinnung und geistige Nahrung findet. Um uns gesundmachende Pflanzen und über uns der strahlende Himmel. Ein Platz, an dem man die Seele baumeln lassen und ihr Nahrung geben kann um daraus Kraft schöpfen zu können. Wie schön, dass es diese Oase gibt.

2. Vor zwei Abenden betete ich hier mit meinem fünfjährigen Sohn. Er wusste ein „neues“ Gebet aus dem Kindergarten, das mich sehr rührte:

Alles, Herr, ist dein Geschenk:
Unser Essen und Getränk,
Wärme und Geborgenheit,
das Gespräch zur Mittagszeit.
Und das wir uns aneinander freuen,
dafür lasst uns dankbar sein.
Amen

Süß! Leider hatten wir ganz vergessen die Hände zu falten! Da haben wir es gleich noch mal gebetet!
Liebe, Frieden, Wärme und Geborgenheit allen Besuchern der Landesgartenschau!

3. Wunderschön ist Gottes Erde und wert,
darauf ein Mensch zu sein,
„drum will ich“ bis ich Asche werde,
mich dieser schönen Erde freuen!

4. Gottesdienst mitten in Gottes herrlicher Natur, das ist: „Auf den Ursprung zurückgekommen“.
 
5. Ein Ort der Stille, aber auch ein Ort, um sich ins Bewusstsein zu rufen, wie nahe wir unserem Schöpfer sein können. Ein großer Strauß an Blumen und Pflanzen, die wir bewundern dürfen und die uns klar machen, dass ohne sein Zutun wir arm wären. Mehr Respekt vor der Schöpfung täte uns gut. Rufen wir es uns hier wieder vor Augen, dass nicht alles selbstverständlich ist.

6. Danke für die stillen Momente die mit Inhalt gefüllt waren. Es hat uns gut getan. Die gute Idee können wir mit nach Norwegen nehmen.

7. Durch Christus ist alles gemacht und besteht durch Ihn!
So bedenke Mensch, wem Du die Ehre geben willst.
Du vergehst auf Erden, wie das Gras und hast hier keinen bleibenden Bestand.
Doch die Entscheidung, wo Du die Ewigkeit zubringen wirst, fällt im fleischlichen Diesseits.
Bedenke die Schöpfermacht, hat Er das Irdische schön gemacht, wie viel mehr das Himmlische.
So tue Buße und glaub` an das Evangelium!

8. Als der Herrgott den Garten Eden schuf, hatte er ein Lächeln auf seinen Lippen. Und er brachte die Menschen in den fruchtbaren Garten und übertrug ihnen die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen. Und als Nahrung gab er die Samen der Pflanzen und die Früchte der Bäume. Ein Vermächtnis das bis zum heutigen Tag Gültigkeit hat. Ein Vermächtnis, auf das wir die Schöpfung liebevoll und respektvoll behandeln. Erinnern wir uns zumindest an diesem Ort daran und erfreuen wir uns der üppigen Vielfalt. Die Landesgartenschau ist auch ein Garten Eden. Lassen wir die Seele baumeln, halten wir einen Moment inne und genießen wir in Dankbarkeit die Schönheit.

9. Beeile dich langsam ...
Das versuche ich! Danke für die liebevolle Anregung.

10. Dass die Landesgartenschau zu Ende geht, ist schade, ich vermisse sie ganz gewiss. Aber sie war und ist für uns ein Geschenk, ein Gottesgeschenk für uns alle.

Ich habe die Landesgartenschau mit dem Betrachten der Blumen, mit dem Gesang der Vögel, unsren Lehrern, wie Kierkegaard sagt, als heiteres Spiel empfunden, als wunderbare Leichtigkeit.
Das ist es, was mich aus Jesu Wort erreicht: Lasst das Sorgen sein. Nehmt euch ein Beispiel an den Lilien und an den Vögeln.
Gelassene Heiterkeit. Solche Flügel hätte ich auch gerne. In dieser kindlichen Heiterkeit würde ich gerne Nachhilfeunterricht nehmen und bin mir sicher, auch dem Ernst meines Lebens stände ich dann nicht nur gelassener, sondern auch stärker und kreativer gegenüber.
Es gibt Tage, da setze ich mich schon mit dem Gefühl an den Schreibtisch, dass die abgesessene Zeit vertan sein wird. Es gibt Besuche, da ahne ich, es wird nichts draus. Es gibt Nächte, da finde ich keine Erholung.
Wenn ich dann etwas hinüberretten könnte von diesem Erlebten hier an diesen 178 Tagen, die gelassene Heiterkeit, wenn ich Kind wäre, ja einfach „Kind Gottes“, dann würde mir leichter.
Man kann die Last, die manchmal auf uns liegt, nicht einfach abschütteln, wie ein Vogel die Regentropfen oder nach einem Bad das Wasser abschüttelt. Und dann davonfliegt.
Und doch denke ich, Jesus wollte uns genau dazu erziehen. Oder genauer gesagt: befreien. Lasst den morgigen Tag und all das Ungeklärte der kommenden Woche meine Sorge sein. – Auch meine Sorge sein.
Wir haben einen Sorgenbegleiter, einen Flugbegleiter, einen, der verspricht uns zu tragen, wenn wir zu stürzen drohen.
In der Bibel heißt es: Die Gott trauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie gehen und nicht müde werden. (Jes 40, 31)
Dahinter steckt mehr als der alte Menschheitstraum vom Fliegen. Dahinter steckt die Sehnsucht nach Spiel, nach Schonung, nach Weite, - dahinter steckt die Sehnsucht nach Gott.
Ich wünsche Ihnen, dass das, was sie hier erlebt und wahrgenommen haben, in ihren Herzen bleibt und das sie immer wieder erfahren beim Betrachten einer Blume oder beim Gesang eines Vogels:
„Zu sein heißt: für heute da sein – das ist Freude“. Amen.

Pastor Dieter Kindler, Projektleiter Klostergarten