Winsen – Landesgartenschau 10.9.2006
zum Stück „Punchinello sucht das Glück“ und Psalm 8

Voraus ging ein Anspiel einer Kindregruppe. Sie spielen davon, wie erfolgreichen Holzpuppen(kindern) goldene Punkte angeheftet werden – Anerkennung als Lohn des Erfolges. Und denen, die nicht so sportlich oder klug oder… sind, werden graue Punkte angeheftet, die sie immer tiefer glauben lassen, sie seien nichts wert. Nur an Lucia bleiben solche Punkte nicht haften! Weil sie ihrer Aller Schnitzer, Eli, kennt. Und der sagt ihr: Du bist einmalig!

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel! Vor dem Spiel mit dem eigenen Umgang mit goldenen oder grauen Punkten, die andere uns anheften. Oder Etiketten. Das geht genau so gut.
Oder eben mit gar keinen.
Das finde ich stark, wenn sie einfach nicht kleben bleiben. Sie – oder das, was andere mir anheften wollen. Da muss jemand gut beieinander sein, wenn das an ihm abgleitet. Und ich fühlte mich richtig gut und erwachsen, wenn ich mich selbst mal so im Frieden ansehen kann und anderen diesen Frieden gebe!
Ich gebe ja zu, dass das kein Kinderspiel ist. Aber wozu haben wir meistens viele Jahre Zeit, wenn nicht dazu, das zu lernen?

Da sagt einer zu mir: „Du Idiot!“ Ich hätte ihn umarmen können. Das war das Schönste, was er mir sagen konnte. Jedenfalls so, wie ich das verstehe. Aus dem Griechischen übersetzt heißt das „persönlich sein, besonders, eigenständig“. Was will ich mehr?
Natürlich weiß ich, dass der andere das so nicht meinte. Doch muss ich mich auf seine Unwissenheit festlegen lassen? Manches muss man einfach besser wissen – z.B. dass jeder von uns eben ein ganz persönliches, eigenständiges, besonderes Leben ist. Einmalig und unverwechselbar und unwiederholbar.

So kann ich das sehen: Auf dem ihnen übergebenen Bild (von Olaf Schlote, Hamburg: mit einem Mann im Rollstuhl tanzen andere am Strand) sehen Sie, wie ein Mensch aufstrahlt, wenn er so gesehen wird.
Man kann das auch anders sehen: „Mein Gott, was uns der Willy kostet!“…
Man kann das auch so sehen, ist dazu aber nicht verpflichtet: Warum soll ich glauben, dass Menschen nur nach dem Nutzen, nach Leistung und Verwertbarkeit zu sehen sind? In einem Krimi von Mankell sagt der Kommissar Wallander zu dem alltäglich Bösen, dem er in seinem Beruf begegnet: „Vielleicht hat das alles begonnen, als wir aufhörten, Strümpfe zu stopfen…“

Warum soll ich mich festlegen lassen auf die Unwissenheit anderer, die meinen, wir seien alte Strümpfe? Die (nach dem Stück der Kinder) „Eli“ nicht kennen, wenn mich Lucia doch auf ihn hinweist? Und der sagt: „Denke daran, du bist einmalig.“ Lucia hat beschlossen, dass es wichtiger für sie ist, was Eli über sie denkt als das, was andere von ihr denken. Idiotisch? Ja, im besten Sinn des Wortes! Das ist für mich ein gutes Stück eigener Einsicht, so selbstständig ein Bild von sich und anderen zu haben, so eigen zu wissen, was man selbst denkt, so persönlich dazu zu stehen, dass ich Lust bekomme, es ihr nach zu tun:

Woher dieser Blick?

Manche hier werden wissen, dass in der Sprache Jesu Gott „Eli“ genannt wird. „Mein Gott!“ Und manche werden schon gleich wieder in sich den Kopf schütteln und sagen: „Gibt’s den denn? Ich war noch nicht in seiner Werkstatt!“ Wirklich nicht? Für mich gibt es da eine  wichtige Erfahrung, die heute, am Diakoniesonntag, durchaus erzählenswert: So, wie wir die Menschen ansehen, so geben – oder nehmen wir ihnen ihr Ansehen. Der Mann im Bett im Pflegeheim erlebt, ob er liebenswert und damit noch lebenswert ist, in der offenen oder verschlossenen Miene der ihn Pflegenden…

Manche unter uns haben das Glück, davon gehört zu haben, dass die Welt uns nicht unbarmherzig anschweigt, sondern uns einlädt, sehnsüchtig nach uns ist und danach, dass wir Wärme leben. Vielleicht haben davon Großeltern erzählt, vielleicht Freunde, vielleicht Pfarrerinnen, vielleicht Kollegen. Sie alle sagen: „Rechne doch einfach damit, das Gott dich will. Oder anders: Traue dem Leben zu, dass es für dich gut ist!“ Damit sehen wir Eli noch nicht – aber manchmal spüren wir die Wärme, die von. solchen Erzählern kommt und in uns aufgeht. Dann lösen sich die Etiketten, die andere oder wir selbst uns anheften und die unser Herz einengen und beschweren. Dann  bleibt nur: Es ist gut, dass es mich gibt. „Es ist schön, dass es dich gibt.“ Mehr braucht ein sehnsüchtiges Herz nicht. Klasse, dass du so bist, wie du bist – und ich auch. „Ich glaube, er meint es ernst“, sagt Punchinello. Und in diesem Moment fällt ein Aufkleber ab.

Sie haben ja recht: Nichts davon kann ich beweisen, außer, dass ich mit dieser Sicht nicht alleine bin. Hören Sie sich bloß das mal an – Psalm 8: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott…!“.

So kann man das sehen. Muss man nicht, aber man kann. Ich will das so sehen. Da bin ich ganz eigen. Klar – idiotisch oder eben: Eine Persönlichkeit. Und jetzt sind Sie dran für sich zu klären: Wie sehen Sie sich – so wie Eli?
                                                                                                                                    Amen

Pastor Gernot Werner, Dresden