Gottesdienst am 03.09.06 im Klostergarten zum Thema Glaube-Hoffnung-Liebe

Wenn Sie sich diesen Klostergarten etwas näher anschauen, dann sehen Sie ein Kreuz oder einen Kreuzgang. In einige Steine sind Worte eingemeißelt. Hier, in der Mitte, steht Gott. Er ist das Zentrum. Um dieses Zentrum herum sind 3 x 3 Begriffe zu sehen, die Gott näher erläutern oder zu Gott hinführen: Vater, Sohn, Heiliger Geist. - Weg, Wahrheit, Leben. - Glauben, Hoffnung, Liebe. 
In meiner Predigt soll es heute um die letztgenannten Begriffe gehen. Sie sind so eine Art Schlagworte der Christen, werden oft zitiert. Aber was genau bedeuten sie? Grundlage ist u.a. ein Bibelvers aus 1. Kor. 13: Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
1) Glauben
Was ist Glauben? Wenn ich glaube, dann halte ich etwas für wahr, was ich nicht direkt sehen oder greifen kann und auch nicht ohne weiteres überprüfen kann. Das kommt im Alltag ständig vor. Wenn ich in einen Bus steige, muss ich glauben, dass der Busfahrer einen Führerschein hat und der Bus vollgetankt ist. Wenn ich Lebensmittel in einer Dose kaufe, muss ich glauben, dass das drin ist, was außen drauf steht usw. Solche Form von Glauben erleichtert das Leben, hat auch mit Vertrauen und positiven Erfahrungen zu tun.
Nun geht es im Gottesdienst heute morgen und auch im zitierten Bibelvers um den Glauben an Gott. Und die Frage lautet: Ist das in Bezug auf Gott auch so? Oder kaufe ich da eine Konserve, ohne zu wissen, was drin ist? (Dose ohne Banderole zeigen) Wenn ich sage, das ist eine Dose mit Ananas, dann müssen Sie mir das glauben. Oder werden Sie anfangen zu diskutieren, ob da nicht eher Bohnen oder Erbsen drin sind? Beim Glauben an Gott ist das ja oft so, dass Menschen darüber diskutieren, wie denn nun Gott ist, ob es überhaupt einen Gott gibt und wenn ja, wie der heißt oder ob der austauschbar ist mit anderen Gottheiten. - Wie kann ich fest stellen, ob in der Dose wirklich Ananas ist? Ich suche die Original-Banderole (zeigen), ich schüttle und horche und schließe aus Erfahrung aus, dass es Fleisch - oder ich öffne die Dose. Dann hat jede Diskussion ein Ende.
Wie kann ich feststellen, dass Gott lebt, dass der Glaube an ihn mich trägt? Gibt es da auch eine Banderole oder kann ich irgendwo horchen? Die Banderole ist die Bibel. Sie beschreibt, wer Gott ist und wie Gott ist. Sie zeigt den Weg zu Gott. Sie gibt Hinweise, wie ich als Christ leben kann. Ich kann natürlich auch direkt mit Gott reden und auf Antwort warten. Es gibt viele kleine Dinge im Alltag, die mir zeigen, wer und wie Gott ist. Ganz genau weiß ich es dann am Ende der Zeit, wenn ich in Gottes Ewigkeit bin. Dann sehe ich Gott und habe keine Fragen mehr. Und damit bin ich beim zweiten Begriff:
2) Hoffnung
Da sagen schon mal die Leute: "Ihr Christen könnt auch nichts anderes, als auf die Ewigkeit vertrösten. Mit dem Leben hier auf der Erde hat der christliche Glaube nichts zu tun." Stimmt das?  Sind Christen wirklich weltfremde Wesen? Oder hat die Hoffnung auf das ewige Leben bei Gott nicht doch Auswirkungen? Was ist überhaupt diese christliche Hoffnung?
Ein Beispiel dazu: Zwei Menschen sitzen beim Frühstück. Der eine hat ein üppiges Frühstücksbuffet mit einer riesigen Auswahl der leckersten Speisen. Aber er mag nicht essen, es schmeckt ihm nicht. Der andere sitzt vor einer Scheibe Brot mit Margarine und einem Rest Marmelade und isst mit großem Appetit und voll Vergnügen. Was unterscheidet die beiden? Der eine hat eine schmerzhafte Operation beim Zahnarzt vor sich und der Gedanke daran, verdirbt ihm trotz der tollen Speisen jeden Appetit. Der andere steht vor seiner Urlaubsreise und isst gerade noch die Lebensmittelreste zu Hause auf. Er ist voller Vorfreude und kann das karge Frühstück genießen, weil er weiß, dass schon am Abend etwas viel Besseres auf ihn wartet.
Das, was ich in ferner oder naher Zukunft vor mir habe, bestimmt mein Leben. Das worauf ich hoffe (wie der Urlaub) oder auch, was ich befürchte (wie der Zahnarztbesuch) hat Auswirkungen auf meinen Alltag. Und wenn Menschen, die an Jesus Christus glauben, auf das ewige Leben hoffen, dann hat das Auswirkungen bis in den Alltag hinein. Denn die Hoffnung reicht von der ewigen Welt Gottes in diese Welt hinein. Allein schon dadurch, dass wir einen Herrn haben, mit dem wir reden können, dem wir alle Ängste und Sorgen und Nöte sagen dürfen, gibt es eine enorme Entlastung. Außerdem können wir unsere Schuld los werden und bei Gott zur Ruhe kommen. Hoffnung ist nichts Abstraktes, sondern sehr konkret. Und natürlich tröstet die Gewissheit, eines Tages bei Gott zu sein und hilft über so manche Schwierigkeit in diesem Leben hinweg. Glaube und Hoffnung haben übrigens noch etwas Wichtiges gemeinsam: im Mittelpunkt steht unser Herr Jesus Christus. An ihn glauben wir und auf ihn und seine Wiederkunft hoffen wir. Glaube und Hoffnung sind nur möglich durch Jesus Christus.
3) Liebe
Dieser Begriff ist in der heutigen Zeit in aller Munde. Menschen sehnen sich nach Liebe, träumen von der großen Liebe und sind doch oft unfähig, selber zu lieben. Traum und Realität klaffen da sehr weit auseinander. Was ist nun mit der Liebe gemeint, die hier auf der Platte im Kreuzgang eingraviert ist?
Es geht um die Liebe Gottes. Ich brauche da zunächst garnichts tun. Gott liebt mich und Sie, uns alle. Er liebt die Menschen so sehr, dass er sogar seinen einzigen Sohn Jesus Christus für uns hat sterben lassen. Gottes Liebe gilt uns allen, auch wenn wir uns selber vielleicht garnicht liebenswürdig finden. Gott liebt uns, obwohl wir es nicht verdient haben. Und seine Liebe ist grenzenlos und endlos. Kirchenvater Augustin sagte einmal: "Gott liebt jeden Einzelnen von uns so, als gäbe es außer uns niemanden, dem er diese Liebe schenken könnte."- Wir Menschen brauchen diese Liebe nur akzeptieren und annehmen. So wie ein Baby von seinen Eltern geliebt wird, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen, so liebt Gott uns. Er will unser Vater sein. Ein Baby würde nie sagen: "Ich habe die Liebe meiner Eltern nicht verdient. Ich kann das doch nie wieder gut machen. Ich weiß doch garnicht, ob ich das in angemessener Form erwidern kann." Nein, so denkt und redet kein kleines Kind. Es nimmt die Liebe der Eltern einfach an. Lässt sich umarmen, liebkosen, hört den liebevollen Worten zu und lässt sich versorgen. Einfach so. Und die Liebe der Eltern zu ihrem Baby hört normalerweise auch nicht auf, wenn die Windeln voll sind oder das Kind schreit. Nein, Eltern lieben ihr Kind, weil es ihr Kind ist, einfach so. Und so ist Gott auch. Er liebt uns, weil wir seine Kinder sind. Einfach so. Und noch viel mehr: Gott selbst ist Liebe, vollkommene Liebe. Nicht einfach ein bisschen Verliebtsein, das wieder vergeht. Seine Liebe hat kein Ende. Und wegen dieser Liebe können wir glauben und hoffen. Diese drei Begriffe gehören zusammen.
Und wir, was können wir tun? Natürlich heißt es in der Bibel: Liebe Gott den Herrn und liebe deinen Nächsten. Aber das ist kein Anspruch im luftleeren Raum, keine gesetzliche Forderung, sondern eine Antwort. Weil Gott uns zuerst geliebt hat, können wir wieder lieben. Noch einmal zurück zum Beispiel mit dem Baby: Es wird geliebt. Kann es selbst auch lieben? Nicht so richtig, aber es kann durch ein Lächeln die Liebe der Eltern erwidern. Und alle Erwachsenen wissen, dass Eltern ganz aus dem Häuschen sind, wenn das Baby zum ersten mal lächelt, wenn es das Lächeln der Eltern erwidert. So ist das auch mit Gott. Er schaut uns an, beschenkt uns, liebt uns und wir antworten. Unser Lächeln ist vielleicht ein Lob, ein Dank, ein Gebet, auf jeden Fall eine Antwort, eine Beziehung. Und Gott freut sich darüber. So fängt es an, wenn man Gott lieben will. Daraus kann sich dann viel mehr entwickeln. Und wie geht Nächstenliebe? Sie geht mit Gottes Hilfe. Ich bitte Gott, mir Liebe für andere Menschen zu schenken. Das muss nicht ein überschwängliches Gefühl sein. Lieben heißt oft schon, den anderen verstehen, ertragen, dulden, ein freundliches Wort oder ein Lächeln. 
Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Amen.
Predigerin Gudrun Siebert, Landeskirchliche Gemeinschaft