Predigt am 30.7.2006

Liebe Gemeinde! Jede und jeder Einzelne hat sich heute so auf den Weg gemacht, wie es in dem Lied zum Ausdruck kommt, das die Predigt in den Mittelpunkt stellt. Ein Lied, das Emanuel Geibel, das siebte von acht Kindern, 1839 als 24-jähriger gedichtet hat.

Wir singen mit Begleitung der Posaunen die erste Strophe.

1. Wer recht in Freuden wandern will, / der geh' der Sonn' entgegen! / Da ist der Wald so kirchenstill, / kein Lüftchen mag sich regen. / Noch sind nicht die Lerchen wach, / nur im hohen Gras der Bach / singt leise den Morgensegen.

Das singt sich wie ein Ratgeber für Deine Freude: der Sonne, dem Licht entgegen gehen. Damit hinter uns lassen den Alltag mit seinem Tosen und seinen Stürmen. Der Sonne entgegen, das heißt auch: die Schatten fallen hinter mich, ich kann zur Ruhe kommen und mich an die Stille gewöhnen, die auf meinem Weg liegt. Wann ist es sonst schon einmal draußen "kirchenstill"?

Dieser Weg, auf den wir uns gemacht haben, der ermöglicht uns genau hinzusehen und hinzuhören auf das, was man sonst gerne achtlos überhört. Wofür wir sonst keine Augen und Ohren haben.

Was es wohl mit dem Morgensegen des Baches auf sich hat? Singen wir die zweite Strophe.

2. Die ganze Welt ist wie ein Buch, / darin uns aufgeschrieben / in bunten Zeilen manch ein Spruch, / wie Gott uns treu geblieben. / Wald und Blumen nah und fern / und der helle Morgenstern / sind Zeugen von seinem Lieben.

Das unscheinbare Geräusch des rauschenden Baches mit seinem Plätschern, sein Funkeln im Licht lässt den Segen in unsere Welt treten – besser: lässt uns aufmerksam werden, die wir zu oft mit uns selbst und unserer Welt beschäftigt sind, für das Göttliche, die himmlische Dimension unseres irdischen Lebens.

Sehen wir Sehenden? Oder müssen wir uns von der Blinden zeigen lassen:

Ich, die ich blind bin, kann den Sehenden nur dies eine ans Herz legen: Gebraucht eure Augen so, als ob ihr morgen erblinden müßtet. Nutzt all eure Sinne aus, soviel ihr könnt; freut, freut euch der tausendfältigen Schönheit der Welt, die sich euch durch eure Sinne offenbart. Von allen Sinnen aber, das glaube ich bestimmt, muß das Augenlicht der köstlichste sein.

(Helen Keller)

Der Bach ebenso wie der Wald, die Blumen, die Sterne, das Buch des Lebens – überall können wir das Wirken Gottes in unserer Welt entdecken. Die Zeugen rufen uns zu: Gott ist treu, Du kannst dem Schöpfer vertrauen.

Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun? Ist jemand hier, der über 80 Jahre alt ist? Ein weiterer Zeuge für die Treue Gottes, wenn wir nur zu sehen vermögen.

Wir fahren fort mit der dritten Strophe.

3. Da zieht die Andacht wie ein Hauch / durch alle Sinne leise, / da pocht ans Herz die Liebe auch / in ihrer stillen Weise; / pocht und pocht bis sich's erschließt (ergießt) / und die Lippe überfließt / von lautem, jubelnden Preise.

Sich aufmachen, sehen und hören, staunen. So ein Weg verändert einen Menschen. Im Evangelium heißt es: Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. In uns macht sich etwas Luft – so möchte ich Geibel verstehen – das bei uns Erwachsenen sonst eher gedämpft ist – anders als bei den Kindern oder in anderen Kulturen. Aber in diesem kostbaren Moment ist alles anders als sonst. Die Liebe füllt unser Herz, sie stellt sich plötzlich ein und lässt uns einstimmen in das Lob des Schöpfers.

Der Mensch, der so singt, der merkt, dass er nicht allein ist: Die Kreatur auf Erden und im Himmel stimmt mit ein in das Lob Gottes.

Im Licht des neuen Tages, bei aller Freude über die Schönheit der Schöpfung wird deutlich, dass das Leben auf der Erde allein nicht unsere Bestimmung ist. Etwas in uns Menschen strebt himmelwärts auch wenn die alltägliche Schwerkraft uns festhalten will. Wir Christen glauben: Wir streben unserem Ebenbild zu. Zur Vollendung, die uns in Jesus auf Erden bereits begegnet ist. Nicht umsonst schließt das Lied mit der aufgehenden Sonne, die seit alters her Zeichen des auferstanden Christus ist.

Wir singen die vierte Strophe.
4. Und plötzlich läßt die Nachtigall / im Busch ihr Lied erklingen; / in Berg und Tal erwacht der Schall / und will sich aufwärts schwingen; / und der Morgenröte Schein / stimmt in lichter Glut mit ein: / "Laßt uns den Herrn lobsingen."

Pastor Christoph Herbold, Fliegenberg