Prof. Rolf Wernstedt
Präsident des Niedersächsischen Landtages a. D.
Niedersächsischer Kultusminister a. D.

Meditation über 1. Korinther 13, 13, im Klostergarten Winsen an der Luhe im Rahmen der Landesgartenschau am 17. 9. 2006

Der Apostel Paulus spricht: „Nun aber bleiben Glauben, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ (1. Korinther, 13, 13).

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich vermute, dass viele von ihnen das Pauluswort aus dem 1. Korintherbrief kennen: Glaube- Hoffnung- Liebe als die tragenden Säulen des christlichen Glaubens.
Meistens kommt es in einer anderen Reihenfolge daher, nämlich Glaube- Liebe – Hoffnung, weil sich bei ungeübtem Umgang mit den Begriffen die Hoffnung irgendwie am Meisten mit Perspektive und Zukunft verbinden lässt und sich daher an den Schluss drängt.

Aber Paulus will es ausdrücklich anders: Die Liebe ist die größte unter ihnen.

Das ist viel schwieriger zu verstehen als man denkt. Vielleicht ist es auch nicht eindeutig. Denn eine Beziehung zwischen den Dreien wird ja vorausgesetzt.

In dem Brief an die Korinther schreibt Paulus zuvor, dass in der Liebe alle guten Eigenschaften, die man sich vorstellen kann, zum Ausdruck kommen: sie ist langmütig, freundlich, nicht eifernd, nicht prahlerisch, nicht egoistisch, gerecht, wahrheitsliebend,  verträgt alles, vergibt alles, duldet alles.

Es ist eigentlich viel zu viel, als dass man denken könnte, man könnte als Mensch selbst solche Liebe empfinden- von Sexualität ist übrigens hier nicht die Rede. Es geht offenbar auch um die Liebe Gottes. Denn Paulus deutet an, wenn das Vollkommene da sein wird, wird die Liebe vorherrschen, also fast das Charakteristikum sein. Gemeinhin wird so etwas mit der Vorstellung des Paradieses verbunden.

Für einen Christenmenschen scheint die Sache klar: Man glaube an Gott, hoffe auf das Paradies und erwarte den Zustand allumfassender Liebe.

Aber ist das wirklich so einfach?

Ich hatte in den letzten Wochen im Vorausdenken an diesen Sonntag die Paulusausführungen im Kopf.
Auch vor einer Woche, als ich mit etwa 400 Mitreisenden nach Wolgograd flog.

Wir waren körperlich in Wolgograd, geistig aber in Stalingrad.
Einige Mitreisende, die über 80 Jahre alt waren, suchten die Stadt auf, in der sie oder ihre Angehörigen im Winter 1942/43 gekämpft hatten und in Gefangenschaft überlebt hatten. Andere suchten die Namen ihrer Väter, Männer, Onkel, Brüder, Großväter, die auf Granitwürfel eingemeißelt sind.

Ich rede jetzt nicht über die an sich notwendigen historischen und politischen Bezüge der Stalingradschlacht, sondern versuche die Situation des Einzelnen (Soldaten oder Zivilisten) aller Seiten im Lichte des Pauluswortes zu bedenken.

Mitten in der steppenartigen Landschaft, 30 km westlich von Wolgograd, liegen zwei Soldatenfriedhöfe, ein russischer und ein deutscher. So etwas gibt es nur einmal in der Welt.

Der deutsche hat die Form eines Rondells von 150m Durchmesser und etwa drei Meter Höhe. In ihm liegen jetzt die Gebeine von etwa 47 000 deutschen Soldaten, davon 30 000 identifiziert.
Der russische in einiger Entfernung etwas in Halbkreisform, die Belagerungssituation andeutend. Dort liegen etwa 30 000 russische (sowjetische)Soldaten.

Es werden ständig neue Gebeine gefunden, die auf beiden Friedhöfen zugebettet werden. Deutsche und Russen, häufig auch Jugendliche, suchen seit 1992 gemeinsam nach den Überresten, die irgendwo in dem weiten Gelände, 60 mal 40km groß, liegen. Sie waren damals im Februar 1942 in Granatentrichtern notdürftig verscharrt oder untergewühlt worden.

Es gilt, sie zu bergen, um ihnen eine würdige Ruhestätte zu bieten und den Angehörigen einen Ort der Trauer zu ermöglichen. Der Wunsch nach einem sichtbaren Grab ist in unserer christlich geprägten Kultur die Suche nach dem Trost für die Sehnsucht, die ein nicht wieder heimgekehrter Kriegsteilnehmer hinterlassen hat. Das gilt offenbar auch für eine längere Zeit als die, die wir Angehörigen in unseren privaten Gräbern lassen, die wir in der Regel nach 30 oder 40 Jahren aufheben. Auch die Enkelgeneration sieht das so.

In der Steppe vor Wolgograd/Stalingrad sind vor einer Woche neben dem Friedhof 107 etwa 1,50m hohe Granitwürfel der Öffentlichkeit übergeben und ökumenisch eingesegnet worden.
Auf jedem dieser Granitwürfel stehen 900 bis 1000 Namen, insgesamt 102 234, vermisster deutscher Soldaten. Es sind diejenigen, von denen man die Meisten wohl nicht mehr finden wird.
Aber den Namen dort zu wissen, einen Blumenstrauß abzulegen oder ein Gebet zu sprechen hat etwas Bewegendes. Ich habe es gesehen.

In der Schlacht um Stalingrad sind etwa 200 000 deutsche, 50 000 ungarische, 100 000 rumänische, 60 000 italienische und eine Million russischer (sowjetischer) Soldaten gefallen. Es ist wohl richtiger zu sagen:  elendiglich umgekommen, erschossen, zerschossen, erfroren, verhungert, an Ruhr und Typhus verreckt.

Wir haben in den fünf  Tagen unseres Aufenthalts mit deutschen und russischen Veteranen gesprochen und erleben dürfen, wie stark der Wunsch ist, dass nie wieder so etwas geschieht. Und auch die pompösen Siegesdenkmäler in Wolgograd können natürlich nicht die unsäglichen Qualen verharmlosen, auf denen sie stehen.

 

 

Wenn man sich dieses Grauen vergegenwärtigt, sofern man es überhaupt kann und aushält, und versucht, hierfür  die Tragkraft der Paulusworte „Glaube- Hoffnung- Liebe“ zu überprüfen, kann man nicht ohne Zweifel bleiben.

Viele Juden fragten in den Konzentrationslagern und danach, wo denn Gott in Auschwitz oder in Bergen- Belsen gewesen sei.
Aus Briefen wissen wir, dass viele Soldaten dies auch in ihrer Lage in Stalingrad fragten.

Wie stark muss der Glaube sein, der angesichts des allgegenwärtigen Sterbens nicht verzweifelt? Was haben sie geglaubt? Wir wissen es nicht von jedem. Vielleicht haben manche, wie Jesus am Kreuz, gerufen „ Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Was sie gehofft haben, liegt auf der Hand: nur raus aus dieser Hölle und dann möglichst schnell Frieden.  Haben sie, als für die Deutschen spätestens Weihnachten 1942 klar war, dass kein Entsatz kommen würde, auf Erlösung gehofft? Auf ein Wunder? Im Januar ließen sie alle Hoffnung fahren, während ihr oberster Kriegsherr in Berlin von Heldentum und Sieg schwafelte. Und die Generäle fanden nicht den Mut aufzugeben, obwohl sie nachweislich wussten, wie aussichtslos die Lage war.

Was oder wen sollten sie lieben in solcher Situation? Die Liebe, die alles überwindet: die Schmerzen, die Angst, die Qual, die Hoffnungslosigkeit. Man muss ihnen einen tiefen Glauben unterstellen, um sich vorstellen zu können, dass sie sich von Gott geliebt und getragen fühlten.

Die Sache war für die Deutschen insgesamt so verloren und aussichtslos, dass sie in den Schützengräben, Panzern, Straßenschluchten oder Lazaretten nicht einmal den weltlichen Trost haben konnten, für eine gerechte Sache zu kämpfen und zu leiden, wie es die Russen konnten. (Ob das im Tod für den Einzelnen überhaupt bedeutsam ist, kann ich hier nicht erörtern).

Sie waren auf sich allein angewiesen und zurückgeworfen. Und selbst der Kamerad war kein Tröster, weil er im selben  Schlamassel steckte. Er hatte dieselbe Angst, wenn  das Sausen der Stalinorgeln (So nannte man damals die Katjuschas) neue Angriffe anzeigten. Kann man eigentlich im Kriegslärm, wenn Bomben fallen, Artillerie feuert und pausenlos Explosionen zu hören sind und man völlig übermüdet, krank und verlaust ist, beten? Glauben, hoffen, lieben?

Ich will nicht versuchen, es sprachlich weiter auszumalen.
Unter christlichen Vorstellungen erscheint dieses Leiden zweifellos als Kreuz. Und das, was Jesus Christus vor jedem anderen Gottesverständnis auszeichnet, ist sein Zeugnis, dass er dieses Kreuz um der Erlösung der Menschen willen getragen und ertragen hat. Dieser Gott ist den Menschen im Leiden nahe, auch wenn er es nicht verhindert.
Das Christliche ist also, dass Gott weiß, wie der Mensch leidet und ihn über den Tod hinaus liebt, weil er ihn wieder auferstehen lässt. Das ist so, weil er es seinem Sohn auch zugemutet hat.
„Indem Gott seinen Sohn den ehrlosen Verbrechertod am Kreuz hat sterben lassen, setzte er sich in äußersten Gegensatz zu den Erwartungen der Menschen, Gott als Steigerung und Überbietung menschlicher Qualitäten und Werte erfahren zu können. Im Kreuz erfolgt eine radikale Umkehrung der menschlichen Werteskala“ ( J. Roloff „Einführung in das Neue Testament, Reclam 9413,  Stuttgart 1995, S. 113).

Von diesem Zeugnis der Liebe, das eben über das Böse und Schreckliche nicht hinwegsieht, sondern es aufhebt, geht die Kraft des christlichen Glaubens aus.
Wenn man diese für gewiss hält- und Paulus führt es im weiteren Verlauf des Briefes an die Korinther aus- , dann richtet man sein irdisches Leben danach aus: man glaubt in Demut, hofft für sich und andere und richtet sein Denken und Tun an der Liebe aus.
Der Geist, unter dem die deutschen Soldaten in den Krieg gezwungen wurden, war nicht von der Liebe geprägt, auch wenn Pastoren die Waffen gesegnet haben.
Sie marschierten geradewegs ans Kreuz. Gerechte und Ungerechte gleichermaßen.

Über den 47 000 Gräbern und den 102 234 Namen steht ein schlichtes, nicht sehr hohes schwarzes Kreuz aus Gusseisen. Es kündet vom qualvollen Tod und der Erlösung zugleich. Denn der Glaube und die Hoffnung der Soldaten sind dahin, aber die Liebe Gottes hat sie aufgefangen. Denn er erinnert sich an sie.

Über dem russischen Friedhof hängt übrigens eine Glocke über einem symbolisch gesenkten Haupt.

 

Wenn wir hier heute im Klostergarten und im Rahmen der Landesgartenschau im Frieden über Glaube- Hoffnung- Liebe nachdenken, dann könnte man fast meinen, wir sähen ein Stück Paradies. Aber wirklich würdigen kann man es nur, weil man das Gegenteil kennt.