Meditation von Landesbischof i. R. D. Horst Hirschler am 25. Juni 2006
über Johannes 14,6

Jesus Christus spricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14,6)

Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Gestern habe ich es wieder erlebt. Führung im Kloster Loccum. Ich beginne in der Kirche. Zeige die unglaubliche Schlichtheit des Gebäudes. Schmucklos. Der einzige Schmuck – karg – sind die steinernen Pflanzenornamente. Die Zisterzienser waren um 1100 ein Protestorden gegen eine verweltliche Kirche. Sie wollten alles konzentriert haben auf Lesung und Lobpreis. Keine Tierdarstellungen, keine Apostel oder Heilige. Aber Pflanzen.
Ich bitte die bunte Schar: Junge Eltern mit ihren Zwei- und Vierjährigen. Gerade Konfirmierte. Eine junge Frau erwartet ihr zweites Kind. Die Großeltern sind mit dabei. Dreißig Gäste etwa. Ich bitte die bunte Schar, sich so vor dem alten Tafelkreuz von 1240, das über dem Hohen Chor auf einem Querbalken steht, hinzusetzen. Gedanken zum Kreuz der Zisterzienser. Unter dem Kreuz goldene Blumenranken. Hinweis auf das Paradies. Am Kreuz noch sichtbar, Elemente des Baumes des Lebens aus dem Paradies. Das Kreuz als Lebensbaum. Wir setzen uns ins Chorgestühl von 1250. Die dicken eichenen Wangen des Chorgestühls von oben bis unten mit geschnitzten stilisierten Blattwerkornamenten verziert,
erinnern an die Außenseiten der Stabkirchen in Norwegen.
Wir gehen weiter zu einem Altaraufsatz an der Seite, wohl aus einem Nonnenkloster. Vielleicht als Bezahlung für Schulden. Ich sage: „Die Heilige Birgitta von Schweden, dem Papst und dem Kaiser die Leviten lesend.“ Frederik, der Vierjährige, hört „Schweden“ und fragt laut dazwischen: „Willst Du, dass Schweden gewinnt oder Deutschland?“ Ich sage: „Natürlich Deutschland!“ „Ich auch“, sagt Frederik, „aber wenn Schweden gewinnt, klatsche ich auch.“ Wir gehen in den Kreuzgang. Frederik hat eine Schiedsrichter-Trillerpfeife dabei. „Darf ich mal pfeifen?“ „Ja“, sage ich, „aber wie die Schiedsrichter, kurz und kräftig“. Er pfeift markerschütternd und keineswegs kurz. Unglaublich, wie das nachklingt. In der Kirche haben wir 11 Sekunden Nachhall. Der Kreuzgang ist auch nicht von schlechten Eltern. So hat das immer nachgehallt, wenn die frühen Brüder mit ihren Holz-Klompjes, die mit Stroh ausgelegt waren, hier durchgingen. In den Kapitelsaal hinunter. Hier saßen sie und haben beraten. Wunderbare Akustik. Wir singen mal „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“. Es hallt lange im Kreuzgang wider. So nun gehen wir in den Innenhof, durch die enge Pforte ins Paradies.
Wenn man aus diesen nachhallenden Räumen kommt, ist es wirklich paradiesisch. Diese
wunderbare Ruhe fällt ganz unvermutet über einen her. Wir stehen auf dem Rasen. Früher waren es in dem quadratischen Innenhof vier quadratische Unterstücke, die durch den kreuzförmigen, mit hellen Kieselsteinen ausgelegten Weg gebildet wurden. Hier war der Brunnen. Klostergärten waren vielfach außerhalb der Klausur. Oft Gemüsegärten. Für die Nahrung nötig. Aber als wir im letzten September beim Generalkapitel der Zisterzienser in Rom waren, machten wir mit den 120 Zisterzienseräbten und Zisterzienserinnenäbtissinnen
in ihren weißen Gewändern einen Ausflug in die südlich gelegene uralte Zisterzienserabtei
Casamarie. Erst in der Kirche die Hore. Dann in den Kreuzgang mit seiner wunderschönen romanischen Ausstattung, den kleinen Säulen und Bögen, und dann strömten wir in den Kreuzgarten. Ein unglaubliches Bild. Diese paradiesische frühherbstliche Farbenpracht und dazwischen die stattlichen Äbte und Äbtissinnen in ihren auch äußerlich schicken Kutten.
Sie haben – diese frühen Gemeinschaften – ihre Klöster (in denen natürlich auch der alte Adam und die alte Eva ihr böses Spiel trieben, wie allerorten in der Welt) zu begreifen versucht als einen Vorschein des ewigen Paradieses, als einen Vorschein des Reiches Gottes. So wie es Jesus in seiner Tafelrunde gemacht hatte. Sie hatten versucht, einander mit der Liebe zu begegnen, die dem Geist Jesu entsprach. Das waren ja ganz junge Kerle. Die Mönche 18, die Äbte 22. Sie haben versucht, eine Familia Die zu sein, in ihrem Miteinander,
in ihrem nicht-über-den-Anderen-Böses-reden. Sie haben versucht, in ihren original gregoria-
nischen Gesängen, die sie genau nach alten Vorlagen rekonstruiert hatten, ein Bild der himm-
lischen Heerscharen abzugeben. Wehe, einer sang falsch. Der brachte den Himmel durchein-
ander. Dem Bild musste natürlich auch der Garten entsprechen. Er musste ein Stück des Para-
dieses sein. Ein Ort der Gottesnähe. Natürlich waren die Heilpflanzen ein real anfassbares Stück der Gottesnähe.
Führt das nicht zum Wunsch nach einer wirklich möglichen heilen Welt? Ist das wirklich ein Weg? Führt das nicht zum Fassadenbau, hinter dem die Sünde da ist? Luther hat deshalb das Klosterleben für unmöglich gehalten und gesagt, man solle das im Kloster Vernünftige ins Leben ziehen. Er hat sich eingesetzt für Klosterschulen und Damenstifte. Und er hat immer gesagt: „Denkt daran, dass die Sünde und die Verzweiflung am Glauben zum Alltag des Christen gehören, und dass die Äcker Dornen und Disteln tragen“. Und wer einen Garten hat, weiß etwas von diesem verdammten Unkraut, wo man immer Gift nehmen möchte.
Bei den Wangen im Chorgestühl unseres Klosters haben sie in das Rankenwerk hineinge-
schnitzt, kaum erkennbar, eine Schlange im Paradies. Und rechts unten einen Wolf oder so was wie Bruno, den Bär, mit aufgerissenem Rachen, der Fenriswolf, der Hölle Rachen.
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, sagt Christus. Die Jüngerinnen und Jünger um Jesus suchen den Himmelsweg. Und Jesus sagt: „Der Weg bin ich. Denn bei mir habt ihr die Wahrheit über unsere Welt und das wahre Leben“. „Ja, aber wir möchten doch zu einem guten Gott.“ „Ja“, sagt Jesus, „das geht aber nur durch mich. Wer mich sieht, der sieht den Vater, und ich bin immer der Gekreuzigte.“
Ich gehe noch einmal zurück in unsere Klosterkirche. Das alte Tafelkreuz etwa von 1250. Christus nicht – wie romanisch – der Herrscher mit der Dornenkrone, sondern der geschla-
gene Mensch. Er hängt am Kreuz, hat den Kopf geneigt. Drumherum ist ein 4 cm breites Band gezogen. Baumharz mit Goldstaub eingedrückt. Das zeigt die österliche Anwesenheit Gottes. Dasselbe, was der Lebensbaum und die Paradiesesblumen am Fuß des Kreuzes aus-
sagen sollen.
Das ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich sage es etwas genauer, weil das dass eigentlich Spannende ist. Nach meiner Überzeugung ist die Wahrheit für mein Leben, der Weg in den Gotteserfahrungen, die Menschen mit diesem Jesus aus Nazareth gemacht haben,
zu finden.
Ich erzähle jetzt – auf dem Markt der Lebenswegentwürfe – das, was mich überzeugt hat: es lohnt sich, in die Erfahrungen der Menschen um Jesus von Nazareth einzusteigen.
Sie – die Jüngerinnen und Jünger, die Anhänger Jesu – haben erlebt, dass er – in der Bergpredigt ist es zusammengestellt – den Gott, der den ganzen Menschen fordert, kompromisslos zur Sprache brachte. Es hat sie tief beeindruckt, wie Jesus die Erfahrungen der Menschen mit dem sich verbergenden Gott ernst nahm. Er hat sich offenbar den Menschen zugewandt, die sich von Gott verlassen fühlen mussten: den Blinden und Lahmen, den Aussätzigen und Besessenen, den reichen und verhassten Zöllnern. Ihnen war der Gott, der alles so herrlich regieret, höchst fern gerückt. Es gab für sie nichts zu danken.
Jesus von Nazareth aber vertritt gegenüber diesen Menschen in ihrer Gottesferne den nahen Gott. Er ist der Darsteller, ja die Verkörperung des dem Menschen zugewandten Gottes. Er vertritt den anders nicht erkennbaren Gott. Er geht zu denen im Dunkeln und bringt ihnen das Licht, wie die Mutter ihrem verängstigtem Kind.
Wäre es allerdings nur das gewesen, hätten wir ihn längst vergessen. Er musste wohl erst selbst unter die Räder kommen, damit deutlich wurde, dass er die Schlüsselperson für das Geheimnis der Wirklichkeit ist. Für die Anhänger Jesu von Nazareth war das eine schreck-
liche Gotteserfahrung. Er, der Gott verkörpert hatte in seinem Handeln und Reden, war nun offensichtlich selbst von Gott verlassen. Sie überlieferten seinen Schrei am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wenn er von Gott verlassen war, lohnte es sich auch nicht, ihm treu zu bleiben. War er ein Scharlatan gewesen? Vielleicht war es überhaupt nichts mit dem nahen, den Menschen zugewandten Gott? Vielleicht sind wir nur die gottverlassenen Wunderwerke eines gott- und sinnlosen Kosmos? Wer weiß?
Der Tag nach der Kreuzigung Jesu, der Karsamstag, ist ein Tag, an dem alles erstorben zu sein scheint. Es hat alles keinen Sinn mehr.
Dann aber, am ersten Tag der Woche, sehr früh, geschieht Ostern. Sie sehen ihn auf irgendeine Weise einige Male. Offenbar musste der Todesschock durch eine Art Lebens-
schock überwunden werden: „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“
Als erstes begreifen sie: Gott hat ihn doch nicht verlassen. Jesus hat es selbst anders empfin-
den müssen, aber er war nicht von Gott verlassen. War er vielleicht, intensiver noch als zu den Aussätzigen, mit seinem Sterben direkt unter die Gottverlassenen gegangen? Unter jene,
die als Verzweifelte sterben. Wer erlöst die zu Tode Vergewaltigten? Die missbrauchten und getöteten Kinder? Die Verbrannten dieser Erde? Wer hilft denen, die schuldig wurden, und keiner nahm ihnen die Schuld ab?
Sie lernten zu sagen: er ist die Schlüsselperson aller Wirklichkeitserkenntnis. Er ist für uns dahingegeben. Jener rätselhafte Text aus Jesaja 53 hat Pate gestanden beim Verstehen. Seltsam eigentlich, dass sie nicht die Auferstehung zum Hauptsymbol gemacht haben. Zwei gespreizte Finger, das Victory-Zeichen. Wäre doch marktgerechter gewesen. Die Menschen wollen das Positive erfahren. Das durch Ostern rückgängig gemachte Kreuz! Aber nein, gerade das nicht!
Das Kreuz wird ins österliche Licht getaucht. Aber es bleibt das Hauptsymbol. Es ist das Zeichen, dass wir nun durch diesen Tod, als Scheiternde Erlöste sind und als Erlöste Schei-
ternde. Daraus wächst die unendliche Freiheit und Glückseligkeit des Christenmenschen, dass er sich durch dick und dünn gehalten weiß. Dass er die letzte Angst verloren hat und den Kopf und die Hände freier hat für diese Welt, für ihre Schönheit und für ihre Not.
Für Mönche sah das ganz elementar aus. Bernhard von Clairvaux erzählt, er habe einen Wachtraum, eine Vision o.ä. gehabt. Da habe er vor dem Kruzifix gekniet. Und der Gekreuzigte habe die Hände vom Kreuz genommen und ihn umarmt. Der sog. Amplexus- die Umarmung. Fortan wussten die Mönche, wenn mein Lebensweg schwierig wird, dann ist dieser Gekreuzigte im österlichen Licht mein Weg, dann knie ich mich unter dies Kreuz, und dann wird er mich in die Arme nehmen, und ich werde sagen: „Wenn ich auch überhaupt nicht mehr das Empfinden habe, dass Du das bist, dass der Gott, den ich in Dir erfahren habe, überhaupt noch eine Hilfe ist, dann verlasse ich mich auf Deine Grunderfahrung, durch die Du selbst so verzweifelt hindurch musstest.“
Gott ist auch dann da, wenn wir denken, es ist alles weg. Er trägt uns. Deshalb gilt für mich:
Christus spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Und – um noch was für die Landesgartenschau zu sagen – wenn ich den Christusdorn sehe, dann denke ich daran. Amen.