Die Kräuterkunde der Hildegard von Bingen – aktueller denn je
Vortrag von  Dr. Joseph Gayger, Steinhorst, am 29. Juli 2006 im Klostergarten

Die Geschichte der Klostergärten ist aus kulturgeschichtlicher Sicht eng mit der Klosterheilkunde verbunden. Bis weit in die Neuzeit hinein waren Mönche und Nonnen in vielen Gegenden die einzigen Heilkundigen. Die heute berühmteste Heilkundige des Mittelalters war Hildegard von Bingen (1098-1179), Stifterin und Äbtissin des Benediktinerinnenklosters auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein. Eine Volksheilige!
Sie zählt zu den bedeutendsten historischen Personen des Mittelalters. Eine große Frau in der damaligen Zeit, die bis heute von ihrer Berühmtheit nichts verloren hat.
Für mich persönlich ist Hildegard von Bingen aufgrund ihrer Werke und Erfahrungen mit Madame Curie zu vergleichen, die im letzten Jahrhundert 2 Nobelpreise (für Physik und Chemie) erhalten hat. Mit diesem Vergleich möchte ich die Bedeutung und Größe der Hildegard von Bingen als eine der berühmtesten deutschen Frauen unterstreichen.
Zurück aber zur Geschichte der Veranstaltung. Im August des vorigen Jahres fand im Kloster Isenhagen eine große Veranstaltung statt, die der Hildegard von Bingen gewidmet war. Im Vordergrund standen die Kräuterkunde, Musik und das Historische der großen Äbtissin.
In diesem Jahr, genau vor einem Monat, im Rahmen des Kulturprogrammes im Kloster Isenhagen, führte eine Studienreise ins Rheinland „Auf den Spuren der Hildegard von Bingen“. Hier konnten die Teilnehmer/innen die Wirkungsstätte der Hildegard – Klöster, Kapellen, Ausstellungen – besichtigen, bewundern und hautnah erleben (nach dem Motto: besser es einmal gesehen zu haben, als hundert mal davon gehört zu haben).
Und nun heute hier in Winsen(Luhe) auf der Landesgartenschau.
Neun Jahrhunderte liegen zwischen uns und dem Leben der Hildegard von Bingen, und es ist schwierig, sich heute vorzustellen, unter welchen Bedingungen Menschen vor 900 Jahren lebten und welche begrenzten Möglichkeiten ihnen zur Verfügung standen, ihr Wissen zu erweitern. 1998. Anlässlich der 900. Wiederkehr des Geburtstages der Hildegard von Bingen
haben die Schriften und Werke, die Erkenntnisse und Erfahrungen dieser großen Frau eine umfassende Renaissance in Deutschland wie auch im Ausland gefunden. Über Vieles darüber wurde berichtet, daher an dieser Stelle keine Wiederholung.
Im 20. Jahrhundert und heute besinnen sich viele Menschen wieder auf die natürlichen Lebensgrundlagen. Großes Interesse an natur- und heilkundlichen Erfahrungen vergangener Epochen ist dabei festzustellen.
Hildegard von Bingen hat eine Vielzahl von Pflanzen beschrieben. Ihr Werk „PHYSICA“ erklärt Wirkung und Verwendungsmöglichkeiten vieler Pflanzen aus der Sicht des damaligen Weltbildes. Die „PHYSICA“ gilt als die älteste Naturkunde Deutschlands. Dieses Werk entstand zwischen 1150 und 1160 durch Hildegard von Bingen auf dem Rupertsberg, dem heutigen Binger Gebiet. In diesem Werk beschreibt Hildegard – neben Elementen, Steinen, Metallen und Tieren – 257 Pflanzen. 115 dieser Pflanzen waren (und sind bis heute) im Binger Raum einheimisch, 25 wurden damals als Nutzpflanzen angebaut, 52 in den Kloster-,
Burg- und Bauerngärten kultiviert. Zum Vergleich: heute gibt es in diesem Gebiet etwa 1200
Pflanzenarten. Die restlichen 31 Pflanzenarten sind vermutlich nie an Rhein und Nahe gewachsen, weder wild noch angepflanzt.
Vieles von dem, was Hildegard von Bingen beschreibt, findet sich auch in den medizinischen
Werken des Altertums und des frühen Mittelalters. Entgegen der weit verbreiteten Meinung
handelt es sich bei der „PHYSICA“ nicht um eine Beschreibung der Natur, sondern um Anwendung der Pflanzen in der Heilkunde.
Hildegard nennt keine Erkennungsmerkmale der Pflanzen, sie beschreibt weder ihre Gestalt noch Form und Farbe der Blüten als Bestimmungsmerkmale. Sie gibt auch keine Hinweise auf Ähnlichkeiten und Verwechselungsmöglichkeiten der Arten. Hildegard nennt auch nicht die Standorte oder Lebensräume, an denen verschiedene Pflanzen zu finden sind. Die Liste der von Hildegard beschriebenen Pflanzen ist unvollständig.
Auch wenn die Kenntnis der heimischen Flora vor 850 Jahren ungleich geringer war als heute, vermisst man einige Arten, die damals bestimmt bekannt waren. Es gibt z.B. keine Erwähnung von Gänseblümchen, Margerite, Busch- und Windröschen, Heidekraut und Vogelbeere. Auch Wildgemüse und – salate, wie z.B. Knoblauchrauke und Giersch werden nicht genannt. Auch Orchideen oder die Küchenschelle bleiben unerwähnt. In der Liste der von Hildegard erwähnten Heilpflanzen fehlen so wichtige Heilpflanzen wie Fingerhut und Frauenmantel und – erstaunlich – sogar die Kamille.
Es war wahrscheinlich nicht die Absicht der Äbtissin vom Rupertsberg, eine Flora ihrer Heimat zu verfassen. Zweifelsfrei kannte Hildegard als gebildete Frau viel mehr Pflanzen als jene, die sie beschrieben hat. Allerdings ist Hildegard von Bingen die erste bekannte Deutsche, die überhaupt so zahlreiche Pflanzenarten erwähnt hat – fast vierhundert Jahre bevor Otto Brunfels, Hieronymus Bock und Leonhart Fuchs die moderne Pflanzenkunde in Deutschland begündeten.

Anmerkung:
Dr. Joseph Gayger hat eine Broschüre mit dem Titel „Kräuter und Heilpflanzen aus dem Klostergarten“ verfasst. Sie wird herausgegeben von der Initiative „Kultur im Kloster“ und erschien 2005. Sie ist zu beziehen im Kloster Isenhagen, Klosterstraße 2, 29386 Hankensbüttel, Tel: 05832-313 und Fax: 05832-979408