Hildegard von Bingen

– Theologin und Visionärin –

Vortrag am 26. August 2006

bei der Landesgartenschau in Winsen/Luhe

Meine Damen und Herren,
wenn ich auf Wunsch von Herrn Pastor Kindler hier im Klostergarten über die Theologin und Visionärin Hildegard von Bingen spreche, dann bedarf es unverzichtbar einführender Bemerkungen, damit kein falsches Bild über mich als Referenten und über die Umstände entsteht, wie es dazu kam, dass ich heute diesen Vortrag halte.
Ich bin pensionierter Sparkassenmann ohne theologische Ausbildung und überdies vor gut zwei Jahren aus der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche, der ich seit der Taufe kurz nach meiner Geburt angehörte, nach reiflichem Nachdenken und schließlich aus voller Überzeugung ausgetreten. Dieser Schritt änderte freilich nichts an meinem festen Bekenntnis zu Jesus Christus. Ohne auf Details einzugehen, beruhte meine Entscheidung letztlich auf etlichen mehr als ernüchternden Erfahrungen mit der Amtskirche, deren Verhalten mir auf Dauer in recht krassem Widerspruch zu dem erschien, was ich über Jesus wusste und an ihm besonders in ethischer Hinsicht als Vorbild schätzte.
Dies alles war Pastor Kindler bekannt, als er mich bat, Ihnen, meine Damen und Herren, meine Gedanken über Hildegard von Bingen als Theologin und Visionärin an dieser Stelle in der gebotenen Kürze darzulegen.
Und lassen Sie mich gleich anfügen, dass ich die souveräne Toleranz von Herrn Pastor Kindler zu schätzen weiß, meinen Kirchenaustritt als Christen zu respektieren und mich als Redner einzuladen.
Wie, so werden Sie fragen, ist Herr Pastor Kindler, um es salopp zu sagen, ausgerechnet an mich als Referenten geraten?
Vor meiner Pensionierung, die zweieinhalb Jahre zurückliegt, fragte mich die Äbtissin des Klosters Isenhagen, das zu den sechs sog.  „Heideklöstern“ gehört, ob ich Freude daran haben würde, den von Anzahl und Güte her ein wenig schwächelnden kulturellen Aktivitäten des Klosters neue Impulse zu geben, zumal ich mich bereits während meines Berufslebens nebenbei recht intensiv mit den Themen „Kultur“ und „Natur“ befasst hatte. Ich gab Frau Äbtissin unter bestimmten Bedingungen meine Zusage und so entwickelten wir ein Projekt unter dem Titel „Kultur im Kloster“, das sich mittlerweile als Veranstaltungsreihe etabliert hat und sich regen Zuspruchs erfreut.
Im August vergangenen Jahres führten wir einen „Hildegard-von-Bingen-Tag“ durch, der binnen kurzem ausgebucht war.
Wir versuchten, das facettenreiche Wirken dieser großartigen Frau durch drei Themenschwerpunkte darzustellen:
- Hildegard als Heilkundlerin
- Hildegard als Theologin und Visionärin
- Hildegard als Komponistin.
Da Frau Äbtissin ausgebildete Musikpädagogin ist, wollte sie gern die Kompositionen Hildegards erläutern und anhand von Musikbeispielen präsentieren, was ich ursprünglich mir gern selbst vorbehalten hätte.
Und so bat sie mich, über Hildegard von Bingen als Theologin und Visionärin zu sprechen, wobei sich meine bis dahin vorhandenen Kenntnisse schon bald als erschreckend lückenhaft und oberflächlich herausstellten. Dies spätestens nach dem Durcharbeiten einiger Schriften Hildegards und nach der Lektüre mehrerer Biografien. Mein bis dahin eher diffuses Hildegard-Bild mit andersgewichteten Schwerpunkten wurde in ein neues Licht gerückt.
Mein Vortrag stieß, wie die Veranstaltung des „Hildegard-von-Bingen-Tages“ insgesamt, auf lebhafte Resonanz. Auf welche Weise später Pastor Kindler darauf aufmerksam wurde, entzieht sich indes meiner Kenntnis, vermutlich auf klösterlich-kirchlichem Wege.
Vor einigen Wochen unternahmen wir seitens „Kultur im Kloster“ eine zweitägige, ebenfalls rasch ausgebuchte Exkursion unter dem Titel „Auf den Spuren der Hildegard von Bingen“. Wir besuchten unter fachkundiger Leitung die Wirkungsstätten Hildegards, wobei sich eine ihr gewidmete Sonderausstellung im Binger Museum als besonders informativ erwies. Die Exkursion brachte mir erweiterte Einsichten in das Leben, Denken und Wirken dieser herausragenden Frau des Mittelalters und verfeinerten die Konturen der nachhaltigen Verdienste Hildegards.
In Bingen kaufte ich die beim dtv erschienene und mir bis dahin unbekannte Hildegard-Biografie von Michaela Dierks. Die Lektüre dieses Buches empfehle ich gern, weil die Autorin aus dem breiten Spektrum zu beachtender Aspekte ein auf das Wesentliche konzentriertes, ungeschminktes Hildegard-Porträt unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Strömungen wechselnden Zeitgeistes zeichnet.
Wie ich schon sagte, erscheint in der Öffentlichkeit überwiegend ein verzerrtes, oberflächliches Persönlichkeitsprofil Hildegards, das von seiner Bedeutung her einer an Fakten orientierten angemessenen Präzisierung bedarf.
So widerspricht es, wie wir noch hören werden, schlichtweg den Tatsachen, in Hildegard von Bingen, trotz ihrer herausragenden christlichen Verdienste, kirchenrechtlich eine Heilige zu sehen. Sie ist bis heute nicht vom Papst heiliggesprochen worden.
Alles in allem wird nach meinem Eindruck Hildegards Wirken als Theologin und Visionärin in seiner reichen Substanz eher unterschätzt, während die „Hildegard-Medizin“ teilweise unseriösen und missbräuchlichen Verfälschungen unterliegt. In den mittlerweile vielbändig vorliegenden Büchern über die Kräuter- und Heilkunde Hildegards befindet sich nur verschwindend wenig authentisches Material. Hildegard verkommt nach meinem Eindruck im gegenwärtigen Trend der Naturheilkunde und Öko-Welle bisweilen zum schamlosen Anlass und Alibi eines teilweise vorrangig profitorientierten Naturheilmittelmarktes.
Nur soviel: Hildegard war keine Medizinerin, deren Wirken beispielsweise die individuelle Anamnese und Diagnose mit einbezog. Ihre Heilkunst konzentrierte sich im Kern weniger auf die heute angepriesenen angeblich von ihr stammenden Rezepte, sondern in erster Linie auf einen ganzheitlichen Ansatz einer gesunden Lebensführung durch Natur- und Lebenskunde, verbunden mit einer Verhaltenslehre. Hildegard bekannte sich zur Einheit von Körper, Geist und Seele. Ihre Heilslehren dienten daher sowohl der körperlichen Heilung als auch dem seelischen Heil des leidenden Menschen.

Die Würdigung der Theologie Hildegards von Bingen setzt unverzichtbar eine kurze Beschreibung der Strömungen des Christentums zur damaligen Zeit voraus, die sich wohl treffend als Epoche verwirrender Orientierungslosigkeit charakterisieren lässt.
Damit verbundene Konflikte bildeten teilweise den Nährboden für die spätere Reformation.
Der Katholizismus stand nach dem Wirken des Augustinus, Bischof von Hippo, an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert ganz in dessen geistlicher Tradition, wonach sich die Kirche und ihre Gelehrten ausschließlich mit Fragen der ewigen Seligkeit befassen sollten. Unterstützt wurde diese Ausrichtung bald darauf durch die monastische Theologie des Benedikt von Nursia, die nicht das Wissen um seiner selbst willen, sondern das Ziel der Erbarmung und Anbetung durch Meditation und Gebet in den Mittelpunkt stellte.
Später allerdings, und zwar im Gefolge der politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung des deutschen Reichs durch Karl den Großen, erfuhr die über Jahrhunderte durch die Theologie nahezu völlig verdrängte Philosophie eine Wiederbelebung. Die zielstrebig einsetzende Herausforderung der Theologie bestand im wesentlichen darin, die Beziehung zwischen Glauben und Vernunft neu zu klären. Überdies wurden Theologie und Philosophie nun auch außerhalb der Klöster an Universitäten gelehrt. Dabei entwickelte sich die Philosophie mehr und mehr zu einem Werkzeug der Theologie, was schließlich dazu führte, dass es etlichen Theologen wichtiger erschien, als gebildeter Philosoph denn als frommer Kirchenmann zu gelten. Das Eindringen der Rationalität in die Hermeneutik (Bibelauslegung) brachte der christlichen Lehre ein neues Glaubensverständnis, das als Scholastik entscheidende Impulse durch den Erzbischof Anselm von Canterbury erhielt.
Peter Abälard, Magister an der Pariser Kathedral-Schule Notre Dame, führte die Prinzipien der Logik konsequent mit der These in die Theologie ein, dass der entscheidende Schlüssel zu Einsicht und Erkenntnis das Fragen sei. Damit verband er die Forderung, dass sich alle etablierten Kirchenführer den Fragen und Zweifeln der nachwachsenden Generationen stellen müssten. Obwohl es dem geistreichen Abälard und seinen Anhängern letztlich um das aufrichtige Streben nach Glaubenswahrheit ging, rief er bald erbitterte Gegner auf den Plan; allen voran Bernhard von Clairvaux, Gründer des Zisterzienserordens und letzter großer Vertreter der älteren monastischen Tradition, der zufolge sich Gott nur im geheimnisvollen Zwiegespräch mit der frommen Seele offenbart.
Bernhard von Clairvaux erreichte es schließlich, dass Peter Abälard vom Papst zum Ketzer erklärt wurde. Freilich vermochte dieses Verdikt das weitere Vordringen der Scholastik einstweilen nicht zu verhindern, die schließlich, wenn auch mit inhaltlichen Einschränkungen, durch den Einfluss des Thomas von Aquin zur offiziellen Lehre der katholischen Kirche reifte.
Wenn ich die von mir durchgearbeitete Literatur richtig deute, ergriff Hildegard von Bingen in diesem Theologiestreit nicht einseitig Partei. Sie schätzte Peter Abälard, der sich von eher gesetzlich geprägten Deutungen der Erlösungslehre trennte und Jesu Kreuzesopfer als Liebestat des gütigen Gottes begründete. Doch sie fühlte sich als Visionärin auch dem begnadeten Mystiker Bernhard von Clairvaux verbunden, ohne freilich dessen geradezu fanatische körperliche Askese für richtig zu halten.
Man sollte in unserer Zeit, da die Versöhnung der christlichen Religionen mit dem Judentum zumindest verbal gern beschworen wird, deren Bedingungen allerdings von manchen geistlichen Würdenträgern auffällig einseitigen dogmatischen und intoleranten Sichtweisen unterliegen, Hildegards Haltung hierzu kurz streifen. Sie gehörte zu jenen, die den Juden aufgeschlossen und menschenfreundlich begegneten. Der Gott der Juden und der Christen ist der gleiche, seine 10 Gebote binden beide Religionen. Christentum ist ohne Judentum nicht vorstellbar, zumal, was häufig vergessen wird, Jesus als Jude starb. In ihrer einzigartigen Weise metaphorischer Darstellung schreibt Hildegard: „Denn das Alte Testament ist wie der Winter, der alle Grünkraft in sich verbirgt, das Neue Testament ist aber wie der Sommer, der Gras und Blumen hervorbringt.“
Dass Judentum und Christentum aus theologischer Sicht untrennbar zusammen gehören, begründete Hildegard bildhaft: „So ging auch die Synagoge als Schattenbild voraus, und die Kirche folgte im Lichte der Wahrheit.“
Im Kontext kirchlicher Entwicklungen zu Zeiten Hildegards sollte man auch nicht den Einfluss und die Bedeutung der Kreuzzüge vergessen, die als Zeichen neuer Frömmigkeit einer sehnsuchtsvollen Rückbesinnung auf die Ursprünge des Christentums in der Heimat des Menschen Jesus entsprangen.
Nicht unerwähnt bleiben dürfen schließlich die im 12. Jahrhundert zeitweilig erbitterten Auseinandersetzungen zwischen geistlicher und weltlicher Herrschaft, die zum Investiturstreit führten. Es ging dabei um die unter dem Aspekt der Macht wichtige Frage, ob Kaiser oder Papst die Bischöfe einsetzen. Der beim Reichstag zu Worms (1122) erzielte Kompromiss hielt nur kurz. Erinnert sei an das durch Kaiser Friedrich Barbarossa herbeigeführte und seitens Hildegards forsch und beherzt in mehreren Briefen heftig kritisierte 18jährige Schisma, in dessen Verlauf Barbarossa vier Gegenpäpste einsetzte, die ihm politisch nützlicher erschienen als die jeweils rechtmäßig vom Kardinalskollegium gewählten Päpste. Die verhängnisvolle Kirchenspaltung untergrub und lähmte folgenschwer die päpstliche Autorität.
Doch auch ansonsten gab es in dieser Zeit etliche weitere schwere kirchliche Missstände zu beklagen, die Hildegard mitunter harsch und mutig brandmarkte.
Die Priesterschaft galt als verweichlicht und ihr habgieriger Lebenswandel führte zur Vernachlässigung kirchlicher Aufgaben. So schrieb Hildegard verbittert-ironisch an den Klerus in Köln: „Bald seid ihr Soldaten, bald Knechte, bald Possenreißer. Mit eurem leeren Getue verscheucht ihr im Sommer bestenfalls Fliegen.“ Im Zorn wurde Hildegard geradezu sarkastisch, wenn sie an anderer Stelle die sexuellen Ausschweifungen des Klerus mit der Ejakulation des Teufels verglich.
Die geistliche und moralische Verderbtheit des Klerus führte zu einer sektenähnlichen Gemeinschaft, die sich Kartharer, die „Reinen“, nannte. Die Kartharer erhielten regen Zulauf. Ihrer Lehre lag der unüberbrückbare Dualismus eines guten geistigen und eines bösen leiblichen Prinzips zu Grunde. Danach gehörte die menschliche Seele zu den guten Prinzipien, während der dem Bösen verfallene leibliche Mensch allein durch Enthaltsamkeit und Verzicht auf die irdischen Güter zum Heil gelangte. Ohne die Lehre der Kartharer weiter zu vertiefen, musste Hildegard die dualistische Sicht von Leib und Seele erzürnen, denn sie bekannte sich, wie schon gesagt, stets anthropologisch zur leiblichen, seelischen und geistigen Einheit des Menschen, ein Werk Gottes mitsamt aller Kreatur.
Bleibt schließlich noch auf einen besonders verwerflichen Aspekt des moralischen Verfalls der Kleriker hinzuweisen, und zwar auf die Simonie, die Hildegard ebenso anprangerte wie die zu ihrer Zeit weit verbreitete Klerikerehe.
Der Begriff Simonie leitet sich ab von Simon Magus, der sich selbst als „großen Zauberer“ sah und aus einer Stadt in Samaria stammte. Über ihn berichtet die Apostelgeschichte in Kapitel 8, Verse 5 bis 21. Besagter Simon verwarf die Zauberei und ließ sich, wie die Bürger seiner Stadt, nach der Verkündigung des Evangeliums durch Philippus taufen. Als später die Apostel Petrus und Paulus nach Samaria kamen, empfingen die getauften Christen durch Handauflegen den Heiligen Geist. Simon, der dieses erlebte, brachte den Aposteln Geld, um die Macht zu erlangen, dass auch diejenigen, denen er seine Hände auflegt, den Heiligen Geist empfangen. Petrus wies dieses Ansinnen schroff zurück, weil die Gabe Gottes nicht durch Geld zu erlangen sei. Aufgrund dieser Begebenheit gilt als Simonie der Kauf oder Verkauf kirchlicher Ämter und anderer sakraler Vermögenswerte zur Erlangung von Einfluss und Macht. Obschon Simonie kirchenrechtlich offiziell verboten und geächtet wurde, erlebte sie vor allem im Zeitalter der Renaissance verwerfliche Auswüchse. So soll sich Papst Alexander VI seine Wahl (1492) erkauft haben, nachdem er, ohne überhaupt zum Priester geweiht worden zu sein, zuvor durch verwandtschaftliche Protektion zum Kardinal ernannt wurde. Als Vizekanzler des Kirchenstaats stieg er zu einem der reichsten Männer Europas empor und führte das ausschweifende Leben eines Renaissancefürsten mit Konkubinen und unehelichen Kindern.
Auch der Verkauf von Ablassbriefen durch den Dominikanermönch Johannes Tetzel zählt zu den Exzessen der Simonie und bildete, wie hinlänglich bekannt, einen wichtigen Anstoß zur Reformation Martin Luthers. Übrigens herrscht Simonie auch heute noch dort mehr oder weniger verdeckt, wo in Helferberufen unterschiedlichster Art nicht die Berufung im Vordergrund steht, sondern die Tätigkeit in erster Linie dem Geld- und Machtgewinn dient.

Zur Würdigung der THEOLOGIE Hildegards von Bingen bedarf es einiger grundlegender Hinweise zum klösterlichen Leben ihrer Zeit. Immerhin verbrachte Hildegard, von ihrer frühen Kindheit abgesehen, ihr 81 Jahre währendes Leben ausschließlich in Klöstern. In ihrer Vita schreibt sie: „In meinem achten Lebensjahr wurde ich Gott für das geistliche Leben dargebracht.“ Und diese Grundhaltung prägte sie zeitlebens.
Am 11. November 1106 wurde sie zur religiösen Erziehung Jutta von Sponheim zugeführt. Im Jahr 1112 legte sie ihr Gelübde als Benediktinerin ab und bezog mit Jutta und einer dritten, namentlich nicht genannten Schwester die Frauenklause des Klosters Disibodenberg, am Zusammenfluss von Nahe und Glan unweit von Bad Kreuznach gelegen. Als Benedikt im Jahre 529 die erste europäische Klostergemeinschaft auf dem Berg Montecatini gründete, bezog sich sein Regelwerk für das Klosterleben ausschließlich auf Männer, wurde aber gut 200 Jahre später unverändert verbindlich von den Frauenklöstern übernommen.
Nach Benedikts Regel gehören zum klösterlichen Lebenswandel neben mehreren Stunden körperlicher Arbeit die im Offizium festgelegten geistlichen Handlungen. So finden täglich sieben Wortgottesdienste statt, zu denen gegen 2 Uhr nachts die Vigilien kommen. Es gilt als selbstverständlich, dass die Mönche zölibatär und keusch leben. Der Mönch braucht keine Priesterweihe, weil sein täglicher Gottesdienst im klösterlichen Alltag den Weg zum Himmel bereitet. Die Gemeinschaft Jesu mit seinen zwölf Jüngern gilt als Vorbild der „vita communis“ klösterlichen Lebens. Kasteiung als Zeichen strengster Askese widerspricht monastischer Lebensweise. Von Hildegard wissen wir, dass sie als Magistra der von ihr betreuten Klöster auf dem Disibodenberg und später auf dem Rupertsberg mit dem Filialkloster Eibingen trotz ihres überaus reichen und vielfältigen Schaffens nie ihre zeitraubenden gottesdienstlichen Pflichten vernachlässigte, sondern auch in dieser Hinsicht beispielgebend die Regel Benedikts befolgte.
Die faszinierende Wirkung Hildegards auf mich liegt, gerade eingedenk ihres hohen und unermüdlichen theologischen, gottesdienstlichen und klösterlichen Einsatzes als Magistra, in der Fülle ihres umfangreichen und breit gefächerten Lebenswerkes, getragen von göttlicher Berufung, missionarischem Geist und gefestigtem unerschrockenem Selbstbewusstsein, an dem auch ihre kränkliche Schwäche und ihre gelegentlich willenlos wirkende Unterwürfigkeit nichts zu ändern vermochten. Hildegards Schriften füllen Bände: Eine stattliche Trilogie mit ihren Visionen, ein grundlegendes Buch über die Feinheiten der verschiedenen Naturen der Geschöpfe, etwa siebzig Kompositionen und ein Konvolut hunderter Briefe. Daneben Predigerin auf mehreren ausgedehnten Reisen, Bauherrin und Verwalterin des Klosters Rupertsberg, Betreuerin des Klosters Eibingen, Heilerin Kranker, Gesprächspartnerin und Beraterin ungezählter Bürger, Kleriker und staatlicher Herrscher.
In Hildegards Leben gab es Menschen und Ereignisse, die auf sie nicht ohne nachhaltigen Eindruck blieben. Ich will mich hierbei auf das aus meiner Sicht Wichtigste beschränken.
Beginnen möchte ich mit Jutta von Sponheim, die Hildegard von Kindheit an in christlichem Geist erzieherisch betreute und später 24 Jahre lang mit ihr in klösterlicher Gemeinschaft lebte. Über Jutta von Sponheim liegt eine zeitnahe Biografie vor, aus der wir entnehmen können, dass sie einer wohlhabenden und gebildeten Adelsfamilie entstammte. Im Alter von 10 Jahren erkrankte sie lebensbedrohlich. Wie durch ein Wunder geheilt, hielt sich Jutta gegen den Willen ihrer Eltern an ihr Gelübde, im Falle der Genesung das Leben einer Nonne zu führen. Hier gibt es eine bemerkenswerte Parallele zu Martin Luthers Eintritt in das Kloster.
Jutta erhielt vom Mainzer Erzbischof die Jungfrauenweihe. Nach Aufnahme in das Kloster Disibodenberg war sie, wie es in ihrer Biografie heißt, „Tag und Nacht mit Fasten, Nachtwachen und Beten ständig für den Herrn“ da. Als Meisterin oder Magistra nahm sie später Gelübde ab. Sie galt als vorbildlich diszipliniert und erlegte sich einen besonders harten Klosteralltag mit strengen Bußübungen auf, die sie offenbar in abgeschiedener Stille unauffällig vollzog. Als Jutta starb, befiel Hildegard blankes Entsetzen, nachdem sie den von Ketten geschundenen, ausgemergelten, mit Wunden übersäten Körper ihrer Magistra sah, der sie im Amt folgte. Diese geradezu schockierende selbstzerstörerische Askese widersprach Hildegards Verständnis vom frommen Leben im Dienste des Herrn.
Wenn wir auch auf Hildegards Visionen später noch näher zu sprechen kommen, so erscheint es geboten, schon an dieser Stelle auf ein Ereignis einzugehen, das Hildegards Leben eine wichtige Wende gab. Hildegard hatte, wie sie selbst schrieb, „eine Schau, die mir gezeigt worden war ..., dass ich mich nämlich von der Stätte, an der ich Gott dargebracht worden war, mit meinen Nonnen zu einer anderen begeben müsse.“ Kurzum, Gott hatte ihr in einer Vision befohlen, mit ihren Nonnen ein eigenes Kloster zu gründen, was dem Gelübde der „stabilitas loci“ widersprach, nämlich jenes Kloster, in das man eingetreten ist, nie mehr zu verlassen. Schon deshalb lehnte der zuständige Abt dieses Vorhaben ab. Indes gelang es Hildegard, im Umgang mit den geistlich und weltlich Mächtigen durchaus vertraut, unter geschickter Ausnutzung persönlicher Beziehungen zu einflussreichem Adel und maßgeblichen Klerikern den zuständigen Erzbischof von Mainz für sich zu stimmen. Der Abt vom Disibodenberg erhielt die Aufforderung, Hildegard und ihre Nonnen ziehen zu lassen. „Der Heilige Geist“ hatte der Magistra „eine Stätte gezeigt, wo die Nahe in den Rhein mündet, einen Hügel nämlich, der von alters her dem heiligen Bekenner Rupert namentlich zugewiesen ist.“ Eben dort, in Bingen, entstand binnen kurzer Zeit das Kloster Rupertsberg, dessen Verselbständigung allerdings erhebliche und langwierige rechtliche Auseinandersetzungen mit dem Abt des Disibodenbergs nach sich zog. Nun konnte Hildegard, von göttlichen Visionen geleitet, nach der Regel Benedikts ihre Vorstellungen vom klösterlichen Leben verwirklichen.

Hildegard pflegte die Gemeinschaft mit allen Nonnen ihres Konvents. Sie vermied überstrenge Askese und sorgte für ein herzliches, keineswegs weltfremdes Miteinander. Obschon dem Grundsatz der Gleichheit verpflichtet, gab es allerdings die adlige Nonne Richardis von Stade, der Hildegard „in Liebe zugetan“ war, „so wie Paulus dem Timotheus. Sie hatte sich mir in allem durch liebende Freundschaft verbunden“, wobei sich in Anbetracht der außergewöhnlichen Zuneigung, wenn man die überaus emotionalen Briefe Hildegards liest, geistliche und weltliche Liebe unauflösbar zu verweben scheinen. Hildegard konnte es bis zu ihrem Tode nicht verwinden, dass Richardis das Kloster am Rupertsberg verließ, um die Stelle als Äbtissin im Kloster Bassum bei Bremen zu übernehmen. Alle Mitleid erheischenden, bisweilen auch drohenden Versuche, auf Richardis Mutter, auf den Erzbischof von Mainz, sogar auf Papst Eugen III und auf Richardis selbst Einfluss zu nehmen, schlugen fehl. Wie tief der Trennungsschmerz an Hildegards Seele zehrte, mag ein Auszug aus ihrem Brief an Richardis belegen: „Weh mir Mutter, weh mir Tochter! Warum hast Du mich wie eine Waise zurückgelassen? Ich habe den Adel deiner Sitten geliebt, deine Weisheit und deine Keuschheit, deine Seele und dein ganzes Leben, so dass viele sagten: `Was tust du?` Nun sollen alle klagen, die Schmerz leiden gleich meinem Schmerz; die aus Gottes Liebe in ihrem Herzen und Gemüt Liebe zu einem Menschen trugen, der ihnen in einem Augenblick entrissen ward, so wie du mir entrissen worden bist.“
Hildegard hatte Glück, dass ihr mit dem Mönch Volmar über Jahrzehnte ein gebildeter, sachkundiger und loyaler Begleiter zur Verfügung stand, der insbesondere ihre in Wachstafeln geritzten Visionen grammatikalisch und sprachlich überarbeitete. Er genoss Hildegards volles Vertrauen und gab ihr, als „Mitwisser der Geheimnisse“ wertvolle Hinweise und Anregungen, griff aber nie in den Inhalt der Aussagen ein. In Volmar, der Hildegard 32 Jahre diente und vom Disibodenberg freigestellt war, sah diese ihren „einzigen und geliebten Sohn“. Für Hildegard war Volmars Tod ein tiefer Schock, denn es gab niemanden in ihrem Leben, der sie als Prophetin und Menschen gleichermaßen kannte wie verstand. Lassen wir Volmar sprechen, der berichtete, dass Hildegard als Prophetin unvergleichlich ist und den Menschen in ihren Krisen mehr geholfen hat als alle Magister mit ihren theologischen Abhandlungen zusammen, wobei sie besonders „die Herzen der Hörer“ erreichte.
Das letzte wahrlich einschneidende Ereignis, das Hildegards Kämpfernatur kurz vor ihrem Tod nochmals bis zur Erschöpfung herausforderte, bildete die Verhängung des Interdikts.
Was war geschehen?
Auf dem Klosterfriedhof des Rupertsberges erhielt ein junger exkommunizierter Edelmann seine letzte Ruhestätte. Die Mainzer Domherren forderten die Exhumierung der Leiche und die Bestattung auf ungeweihter Erde. Hildegard folgte dieser Anweisung nicht, da sie zuvor Zeugnis davon hatte, dass der Edelmann, ein Wohltäter des Klosters, nach Reue und Buße sowie dem Empfang der Sakramente gestorben war. Es kam mit der klerikalen Obrigkeit daraufhin zu heftigen Auseinandersetzungen, an deren Ende das Interdikt stand. Danach wurden Gesänge zum Lobpreis Gottes sowie der Vollzug und Empfang der Sakramente verboten. Für die über 80jährige, gesundheitlich arg geschwächte Äbtissin bedeutete dies eine schmerzhafte gottesdienstliche Einengung. Und so macht sie sich, allen gesundheitlichen Widrigkeiten zum Trotz, auf den Weg nach Mainz, wo sie allerdings den Erzbischof nicht antraf, der in Rom weilte. Bei den anwesenden Prälaten fand Hildegard weder Verständnis noch Erbarmen und reiste unverrichteter Dinge zurück zum Rupertsberg. Hildegard gab nicht auf. In einem Schreiben an den Erzbischof berief sie sich auf das „wahre Licht“ ihrer Vision, die Leiche des Edelmannes nicht entfernen zu dürfen. Doch auch dieser Hinweis vermochte den Bischof nicht zu überzeugen. In ihrer Verzweiflung wandte sich Hildegard schließlich an den Erzbischof von Köln, den sie für sich gewinnen konnte. Dieser verstand es, seinen Mainzer Amtsbruder zur Aufhebung des Interdikts zu bewegen. Man beachte dabei die devote Ehrbezeugung des Mainzer Erzbischofs am Ende seines Briefes an Hildegard. „Inständig und flehentlich“ bat er Hildegard: „Wenn wir Euch in dieser Angelegenheit durch unsere Schuld oder Unwissenheit zur Last gefallen sind, so entzieht Euer Erbarmen nicht dem, der um Verzeihung bittet.“ War das wirklich ehrlich gemeint? Es bleiben, wie wir noch sehen werden, begründete Zweifel...

Kommen wir nun zu Hildegards VISIONEN, ein Faszinosum, das ihre Persönlichkeit ebenso wie ihr Leben entscheidend prägte.
Die Visionsbücher Hildegards sind ein schier unerschöpflicher Quell geistlich-geistiger Nahrung voller Weisheit, Lebenserfahrung und Symbolik. Wir können uns an dieser Stelle nur auf einige Gesichtspunkte von allgemeinem Interesse beschränken.
Hildegard nahm schon in frühester Kindheit Visionen wahr, die sie unsicher und krank machten. Sie schrieb später, dass sie „Gott schon im Mutterleib zur Prophetin bestimmt“ habe. Hildegard wagte es in ihrer selbst empfundenen Erbärmlichkeit nicht, ihre Visionen zu offenbaren. Sie fühlte sich, wie sie im Rückblick auf ihr Leben berichtete, „vom Tag ihrer Geburt an erbärmlich ... und durch Krankheit in Schmerzen wie in ein Netz verstrickt.“
Bei ihren Visionen erlitt Hildegard „niemals eine erschöpfende Extase, sondern ich sehe es wach, Tag und Nacht.“
Obwohl von körperlichen und seelischen Qualen geplagt, behielt sie über Jahrzehnte ihre Visionen für sich, bis sie schließlich im göttlichen Schauen den Auftrag empfing: „Scribe qui vides et audis“, was übersetzt heißt: „Schreibe, was Du siehst und hörst!“ Hildegard wurde nach eigenem Bericht „in dieser Schau unter heftigen Schmerzen gezwungen zu offenbaren, was ich gehört und gesehen hatte.“
Sie hielt sich an diesen visionären Auftrag, begann zu schreiben du schuf ihr Erstlingswerk Scivias, was soviel bedeutet wie „Wisse die Wege“. Darunter verstand Hildegard die Aufforderung: „Erkenne die Verflechtungen der Schöpfung mit ihrem Schöpfer, begreife die Einheit der kosmischen Ereignisse, schau auf Erlöser und Erlösung, begegne dem göttlichen Licht, öffne dich Gottes Erbarmen.“
Im Vorwort zum Scivias schildert Hildegard, wie sie ihren göttlichen Auftrag erhalten hat.
„Es geschah im Jahre 1141 nach der Menschwerdung des Gottessohnes Jesus Christus, als ich 42 Jahre und 7 Monate alt war. Aus dem offenen Himmel fuhr blitzend ein feuriges Licht hernieder. Es durchdrang mein Gehirn und setzte mein Herz und die ganze Brust wie eine Flamme in Brand; es verbrannte nicht, war aber heiß, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den ihre Strahlen fallen. Und plötzlich erhielt ich Einsicht in die Schriftauslegung, in die Psalter, die Evangelien und die übrigen katholischen Bücher des Alten und Neuen Testaments... Die Gesichter aber, die ich sah, empfing ich nicht im Traum, nicht im Schlaf oder in Geistesverwirrung, nicht durch die leiblichen Augen und die äußeren Ohren, auch nicht an abgelegenen Orten, sondern ich erhielt sie in wachem Zustand, bei klarem Verstand, durch die Augen und Ohren des inneren Menschen, an zugänglichen Orten, wie Gott es wollte.“
Insgesamt zehn Jahre arbeitete Hildegard angestrengt an ihrem Werk, das, auf drei Bücher verteilt, 26 Visionen beschreibt und eine beeindruckende Heils- und Weltschau entwickelt. Das erste Buch handelt vom Mysterium der Schöpfung, vom Versagen des Menschen und vom Fall der Engel. Der zweite Teil ist dem Erlösungswerk und den Heilsmysterien der Kirche gewidmet, während das dritte Buch Betrachtungen über den Menschen als Mittelpunkt der Schöpfung enthält.
Hildegard vertraute sich dem Abt vom Disibodenberg an, der sich überfordert sah, die Göttlichkeit ihrer Visionen zu beurteilen. Daher wandte er sich an den Erzbischof von Mainz. Überdies befragte Hildegard den berühmten Bernhard von Clairvaux und richtete ein Bittschreiben an den Papst Eugen III, als dieser anlässlich einer Synode in Trier weilte. Der Papst ließ die Texte durch eine Kommission vor Ort auf dem Disibodenberg prüfen und las selbst den Synodalen aus dem Scivias vor. Im Ergebnis forderte er Hildegard als Seherin auf, ihre Visionen weiterhin aufzuschreiben und sie aller Welt kundzutun. Diese offizielle päpstliche Anerkennung als Prophetin brachte für Hildegard eine grundlegende Wende. Aus der bis dahin gegenüber der geistlichen und weltlichen Obrigkeit zutiefst demütigen und bisweilen sogar bedauernswert barmenden Frau wurde eine selbstbewusste Magistra, die den Konflikt mit den Mächtigen fortan nicht mehr scheute.

Nach Abschluss des Scivias widmete sich Hildegard etwa sieben Jahre lang ihrer natur- und heilkundlichen Schriften, deren Entstehung, nicht aber ihr Inhalt, auf einer Vision beruhte.
Ihr zweites visionäres Buch über die Lebensverdienste entstand zwischen 1158 und 1163. Inhaltlich geht es um die für jeden Menschen unentrinnbare Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, dargestellt an 35 Tugenden und den ihnen jeweils korrespondierenden Lastern.
Als schlimmstes Übel nennt Hildegard die Herzenshärte, der die wahre Barmherzigkeit mit dem „Urtrieb nach liebender Umarmung“ antwortet. Zu den Lastern zählen beispielsweise Habsucht, Ausschweifung und Schwermut, während zu den Tugenden Geduld, Freigiebigkeit, Gerechtigkeit und Gottesfurcht gehören.
Um Ihnen, meine Damen und Herren, einen Eindruck vom Phantasiereichtum und der Sprachgewalt Hildegards zu vermitteln, hier ein kurzer Auszug über die Antipoden Geiz und Genügsamkeit:
„O du verteufelte Hinterlist! Wie ein Wolf lauerst du auf Beute, und das Eigentum der anderen verschlingst du wie ein Geier ... Hart und roh,
ohne Mitleid bist du, da dir am Weiterkommen deiner Mitmenschen nichts liegt ... Ich aber, sitze über den Sternen, weil mir alle Gottesgaben genügen. Ich freue mich an der süßen Musik der Pauken, da ich mein Vertrauen auf Ihn setze. Ich küsse die Sonne, wenn ich Ihn frohlockend besitze; den Mond umarme ich, wenn ich Ihn in Liebe halte ... Weil ich Barmherzigkeit für alles aufbringe, ist mein Gewand aus weißer Seide, und weil ich milde gesonnen bin, wo es um die Lebensbedürfnisse geht, ist mein Kleid mit kostbaren Edelsteinen geschmückt. Daher wohne
ich im Palast des Königs. Und es fehlt mir an nichts, was mein Herz begehrt ... Du aber, du nichtswürdiges Stück, du magst den ganzen Umkreis der Erde durchlaufen: deinen Bauch wirst du nicht vollkriegen.“
Nahtlos an das Buch der Lebensverdienste schließt sich die dritte Visionsschrift „Das Buch der Gotteswerke“ an. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Visionen vom Antichristen und von den letzten Dingen. Hildegards Charakterisierung des Anti-Christus, dessen Existenz sich auf Matthäus Kapitel 24, Vers 24 zurückführen lässt, bezweckt zweierlei: Zum einen soll der Mensch den Blick von der Neugier und Sensationslust der äußeren Augen auf das innere Schauen durch den Glauben lenken. Zum anderen dient der Anti-Christus als Gehilfe des Bösen sinnbildlich der Instrumentalisierung Hildegardscher Kritik an der geistlichen und weltlichen Herrschaft.

Man kann die allegorische Bildhaftigkeit und die Wortgewalt der Visionen Hildegards nur unvollkommen beschreiben. Daher empfiehlt es sich, sie im Originaltext zu lesen, was freilich nach meiner Erfahrung nicht ausschließt, immer wieder an Grenzen eigener Interpretationsfähigkeit zu stoßen.

Bei der theologischen Würdigung des schier unerschöpflichen Wirkens Hildegards müssen an dieser Stelle Berichte über ihre vier ausgedehnten Predigtreisen ebenso unterbleiben wie Ausführungen über ihre „unbekannte Sprache“ sowie Beschreibungen ihrer Wunderheilungen, vor allem die der besessenen Frau Sigwize nach deren Aufnahme in das Kloster Rupertsberg.

Wir haben in der kurzen hier zur Verfügung stehenden Zeit im historischen Kontext einen weiten Bogen über Hildegards Theologie gespannt, wobei die Darstellung unvollständig bleiben musste. Sich Hildegards umfängliches und facettenreiches Lebenswerk auch nur halbwegs zu erschließen, empfinde ich nach eigenen Erfahrungen mehrmonatiger Studien als kaum lösbares Unterfangen, was die Faszination, die von dieser außergewöhnlichen Frau ausgeht, keineswegs schmälert. Ich hätte Hildegard von Bingen gern in persönlicher Begegnung kennen gelernt.

Ungeachtet des zu Lebzeiten Hildegards vorherrschenden Weltbildes und des damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisstandes, halte ich das fundamentale Gedankengut dieser herausragenden Theologin in seiner geistlichen und menschlichen Grundhaltung für zeitlos christlich. Hildegard vertrat nicht den sturen Dogmatismus einer Gesetzesreligion, sondern eine Theologie christlich geprägter Menschlichkeit, in deren Mittelpunkt Liebe und Barmherzigkeit stehen. Wenn auch ihre kategorische Anthropozentrik sowohl naturwissenschaftlich als auch theologisch heute kaum noch haltbar erscheint, so profilierte sie sich, ihrer Zeit weit voraus, im Hinblick auf die Emanzipation der Frau in einem bis dahin ausschließlich von Männern dominierten Klerus. Bemerkenswert aktuell erscheinen überdies ihre Einstellung zur Sexualität sowie ihre Gedanken zur Partnerschaft von Mann und Frau in der Ehe.
Zweifellos fühlte sich Hildegard auch jener Überzeugung von der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit nahe, die Luther später seiner reformatorischen Theologie zu Grunde legte.
Als ich Texte von und über Hildegard von Bingen las, empfand ich gelegentlich eine Geistesverwandtschaft und ein ebenso geistlich fundiertes unbeugsames Bekennertum, das ich in unserer Zeit an Eugen Drewermann schätze, wobei sich dieser freilich nicht päpstliche Anerkennung zugute halten kann! Im übrigen eint Hildegard von Bingen und Eugen Drewermann auch die Einsicht, dass sich Visionen, welcher Art auch immer, nicht für individuelle schicksalhafte Prophezeiungen eignen.
In ihrer Langmut und Beharrlichkeit, in ihrer Geduld und Beständigkeit sowie in ihren gefestigten Überzeugungen gelebten Christentums ähneln sich beide ebenso wie in ihrem humanistischen Bestreben, im christlichen Sinne zum Heil der Menschen beizutragen.

Die theologische Gültigkeit und die Wahrhaftigkeit der Visionen Hildegards im Sinne göttlicher Prädestination und Eingebung zu beurteilen, überfordert mich und steht mir nach meinem Selbstverständnis nicht zu. Gelegentlich drängte sich mir beim Lesen der Visionen der Eindruck auf, dass sie für die Durchsetzung bestimmter eigenwilliger Ansichten und Maßnahmen für Hildegard geradezu wie gerufen kamen. Dies ändert freilich nichts daran, dass aus den Schauungen eine Quelle sinnreicher christlicher Einsichten und Denkanstöße sprudelt.

Wir sprechen gern von der Heiligen Hildegard von Bingen, weil uns dies aufgrund ihrer bleibenden Verdienste auch zum Wohle der katholischen Kirche so geläufig ist. Wenn man in der Heiligenverehrung überhaupt Hildegards großartiges Lebenswerk im Dienste Gottes und ihre mehrfach bezeugten Wunderheilungen eine solche Krönung gewiss verdient. Davon gingen auch die Nonnen vom Rupertsberg aus, nachdem Papst Gregor IX im Jahre 1128 das Heiligsprechungsverfahren eröffnete, das jedoch wiederholt an den Einwendungen des Erzbistums Mainz im Rahmen gutachtlicher Stellungnahmen scheiterte und bis heute nicht abgeschlossen ist!
Das katholische Kirchenrecht erlaubt in seinen umfangreichen und subtilen juristischen Differenzierungen lediglich, Hildegard heilig nennen zu dürfen.
Erinnern wir uns: Eben dieses Erzbistum Mainz, das die Empfehlung zur Heiligsprechung versagte, hatte kurz vor dem Tode Hildegards die Aufhebung des Interdikts zunächst strikt abgelehnt und es erst nach Intervention des Kölner Erzbischofs, dann allerdings geradezu untertänig, aufgehoben.
Fühlen wir uns in diesem heuchlerischen und verlogenen obrigkeitlichen Verhalten nicht auffällig an unserer eigene Alltagswirklichkeit erinnert, die uns gegenwärtig hinsichtlich Staat, Politik, Wirtschaft und bisweilen auch Kirche in allen Gliederungen unserer Gesellschaft zutiefst bedrückt?

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld.

August 2006                                                      Carsten Meyer-Bosse